Kritische Rohstoffe: Europa fehlen nicht nur Minen, sondern auch die Raffinerien

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Düsseldorf, Frankfurt. Einen verlässlichen Zugang zu den Rohstoffen aus China: Das gehörte zu den Forderungen von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, als sie im Mai des laufenden Jahres China besuchte. Denn China hat sich bei vielen kritischen Rohstoffen über Jahrzehnte eine Monopolstellung aufgebaut. Kurz zuvor, im April, hatte die Volksrepublik ihre Exporte der Halbleiter-Metalle Germanium und Gallium – unverzichtbar für die Rüstungsindustrie – fast auf null reduziert. Das belegen Daten der chinesischen Zollbehörde.

Auf konstante chinesische Rohstoffexporte kann sich die europäische Wirtschaft nicht verlassen. Auch Besuche deutscher Minister und Ministerinnen ändern daran kaum etwas. Und es kommt möglicherweise noch schlimmer: schon im November.

Um sich unabhängiger von Chinas Rohstoffexporten zu machen, wird die G7 auf Initiative der USA deshalb auf ihrem Treffen Mitte des Monats in Frankreich die Bildung einer Rohstoffallianz diskutieren. Doch der Vorstoß stößt nicht nur auf Begeisterung. Die Europäer befürchten, dass vor allem die USA davon profitieren dürften. Europa könnte dagegen beim Thema Rohstoffe im Wettbewerb mit China und den USA weiter zurückfallen.

Diskussionen über Preisuntergrenzen

Ein mögliches Instrument, das die G7 diskutieren wird, sind Preisuntergrenzen für kritische Rohstoffe. Denn westliche Produzenten können ihre chinesischen Konkurrenten preislich nicht unterbieten. Zum einen sorgen Pekings Subventionen für deutlich günstigere Preise, zum anderen der Wissensvorsprung beim Abbau, den sich die Volksrepublik über Jahrzehnte aufgebaut hat. Mithilfe des Preisvorteils konnten chinesische Produzenten die wenigen westlichen Unternehmen Schritt für Schritt aus dem Markt drängen.

Doch die Debatte ist komplex. Der parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Stefan Rouenhoff (CDU), sagte auf der Handelsblatt-Tagung „Kritische Rohstoffe“: „Es gibt auch sehr gewichtige Argumente gegen solch einen Mindestpreis.“ Die Ermittlung eines treffenden Mindestpreises sei etwa nicht einfach.

Intransparente Preise

Er plädiert ebenso wie die Vizepräsidentin der Europäischen Investitionsbank EIB, Nicola Beer, für eine größere Preistransparenz auf dem Rohstoffmarkt. Dies sei möglich, indem die Daten der tatsächlich erfolgten Deals anonymisiert erfasst und aggregiert würden. So könne jeweils ein Marktreferenzpreis für die verschiedenen Rohstoffe und Rohstoffspezifikationen entstehen.

In der Vergangenheit setzte die deutsche Industrie statt auf sichere Lieferketten lieber auf hohe Margen und kaufte das günstige chinesische Material.

Dennoch gehen viele Experten davon aus, dass Europa beim Thema Rohstoffe aufgewacht sei. So setzte die EU-Kommission mit dem Critical Raw Materials Act (CRMA) ehrgeizige Ziele: Mindestens zehn Prozent des EU-Bedarfs an kritischen Rohstoffen sollen in der EU gefördert und mindestens 40 Prozent vor Ort verarbeitet werden. Noch in diesem Jahr soll zudem ein neues Zentrum für Rohstoffe eingerichtet werden.

Ich halte den CRMA in seiner jetzigen Form für einen zahnlosen Papiertiger. Stefan MüllerDGWA

47 strategische Projekte, die Europa dabei helfen könnten, die gesetzten Ziele zu erreichen, wurden von der EU ausgewählt. Allerdings ist eine automatische finanzielle Förderung mit einem Platz auf dieser Liste nicht verbunden. Nur drei Projekte fanden bislang den Zugang zu Fördergeldern.

„Ich halte den CRMA in seiner jetzigen Form für einen zahnlosen Papiertiger“, meint daher Stefan Müller auf der Rohstoff-Tagung. Der Chef der DGWA berät Rohstoffunternehmen weltweit, verschafft ihnen Zugang zum Kapitalmarkt.

Der Rohstoffexperte weiß, dass nicht wenige der CRMA-Projekte mittlerweile in finanzieller Not seien. Das von der EU als Lösung verkaufte Matchmaking zwischen Investoren, Industrie und den Projekten funktioniere in der Praxis noch nicht. „Viel besser wäre es, würde die EU selektiv die Lücken in den Wertschöpfungsketten in der Rohstoffversorgung mit wenigen, dafür aber aussichtsreichen Projekten schließen“, urteilt er.

Dominanz in der Verarbeitung

Zudem ist es häufig nicht der Rohstoffabbau, den China dominiert, sondern die Verarbeitung. Besonders drastisch ist die Lage bei schweren seltenen Erden. Zwar baut Europa erste Kapazitäten auf, verfügt aber bislang nicht über ausreichend skalierte Verarbeitungskapazitäten im industriellen Maßstab, um seine Schlüsselindustrien unabhängig und resilient zu versorgen.

Änderungen bei Rohstofffonds vorstellbar

So fokussiert sich der deutsche Rohstofffonds derzeit vor allem auf fortgeschrittene Projekte, die einen Finanzierungsbedarf ab 50 Millionen Euro haben. Doch daran könnte sich etwas ändern, wie Rouenhoff ankündigt: „Es ist vorstellbar, dass wir die Schwelle herabsetzen.“

Er gibt sich optimistisch, dass Europa seine Rohstoffsouveränität steigern wird. Das Bewusstsein für resiliente Lieferketten steige, die Vernetzung mit Ländern wie Kanada oder Australien nehme zu.

Von chinesischer Seite heißt es: „Der Export von seltenen Erden war nie ein Streitpunkt zwischen China und Europa und sollte es auch niemals werden.“ Dennoch trafen die Verschärfungen als Reaktion auf die US-Zölle deutsche Unternehmen. Die Volksrepublik verweist nun darauf, dass es für Deutschland einen „Grünen Kanal“ gebe – also beschleunigte Ausfuhrkontrollen und Genehmigungen für Importe von Rohstoffen, die auf der Exportkontrollliste stehen.

Rohstoffvorräte sinken

Darauf verlassen will sich Europa aber nicht. Bereits jetzt sind die Materialströme bei seltenen Erden äußerst limitiert. Und sie werden sich weiter reduzieren, prognostiziert Matthias Rüth. Er ist Chef von Tradium. Das Unternehmen lagert in einem ehemaligen Weltkriegsbunker in Frankfurt kritische Metalle wie seltene Erden für die Industrie zwischen.

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Bei der Verarbeitung der Seltenerd-Pulver zu Magneten gibt es bereits heute einen deutschen Player: das Hanauer Unternehmen Vacuumschmelze. Unternehmens-CEO Erik Eschen blickt kritisch auf das, was  Europas Unternehmen bislang beim Thema Rohstoffe erreicht haben. Zwar gebe es ein gestiegenes Bewusstsein für das Problem, doch bliebe es bei leeren Worten. Derzeit würden Unternehmen ein MoU nach dem anderen verkünden.

MoUs, kurz für Memorandum of Understanding, sind unverbindliche Vereinbarungen, etwa zwischen Industrieunternehmen und Rohstoff- beziehungsweise Bergbauunternehmen. Sie legen die  Rahmenbedingungen zur Abnahme von Material fest. Eine verbindliche Verpflichtung, Preise oder Mengen betreffend, ist das aber häufig nicht.

Gerade darauf aber sind Rohstoffunternehmen angewiesen, um weitere Investoren anzuziehen. Der Kapitalbedarf von Rohstoffprojekten in Europa ist hoch, das Risiko ebenfalls, die Finanzierungsmöglichkeiten der EU sind jedoch bislang sehr überschaubar.

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