Zugegeben, es schaut alles nicht rosig aus. Man muss sich nur durch die Nachrichten scrollen. Die superwichtige atlantische Umwälzströmung, die die Wärme von den Tropen nach Norden transportiert, ist wohl instabiler als gedacht. Die AfD liegt bei mehreren großen Umfrageinstituten noch vor der Union. Und Trump denkt nach seinem Besuch in Peking laut darüber nach, dem von China bedrohten Taiwan die versprochenen Waffen nun vielleicht doch nicht zu liefern. Alles in allem, die aktuelle Nachrichtenlage bietet Anlass genug, nachts wach zu liegen, die tägliche Dosis Tavor zu erhöhen oder sich zur Ablenkung ein lustiges Katzenvideo nach dem anderen reinzuziehen. Auf dem Kratzbaum ist die Welt nämlich noch in Ordnung.
Ich bin auch jemand mit ausgeprägten Ängsten. Die Hanta-Virus-Nachrichten führen bei mir dazu, dass ich mir fünfmal öfter die Hände desinfiziere und bei dem hustenden Mann neben mir in der Metro panisch anfange zu googeln, ob Husten auch zu den Symptomen gehört. Und bei den Umfragewerten der AfD beginne ich mir online zum Verkauf stehende Ruinen in Italiens Pampa anzusehen, in die man ja im Falle eines Falles ziehen könnte.
Auswandern in den Süden ist auch keine Lösung
Ganz so, als ob es in Italien nicht auch eine rechte Regierung gebe. Aber Fascho-Fan-Girl-Meloni wirkt weniger furchteinflößend als die Eiserne Lady Weidel, denke ich mir dann. Und wenn schon rechte Regierung, dann lieber im schönen Apulien als im hässlichen Berlin. Dann sage ich mir, das stellst du dir wohl so einfach vor, wenn die AfD an die Macht kommt, ziehst du einfach in dein mediterranes DIY-Hausprojekt. Aber so einfach wird es nicht werden.
Ronya OthmannKat MenschikMeine Freunde sind da übrigens nicht viel anders. Eine Freundin hat aufgehört, Nachrichten zu lesen. Eine andere sagte mir am Telefon: Wir sind doomed. Und dann schickte sie mir drei Links zu Artikeln, in denen es um Peter Thiel ging, sein neues Projekt „Objection“, eine Art KI-Tribunal für Journalisten. Schau, schrieb sie, schau, schau. Ich überflog die Artikel und dachte, sie hat recht, wir sind wirklich doomed.
Aber dann wurde ich wütend und sagte, dass ich das wirklich nicht mehr ertrage, dieses permanente Doomsday-Gelaber. Als ob alles schon rettungslos verloren sei. Und einem nichts mehr übrig bleibt, als (wenn man so reich ist wie Thiel oder Musk) den Mars zu besiedeln oder sich irgendeine Art Superinsel zu bauen oder, wenn man knapper bei Kasse ist, wie ich, eine Ein-Euro-Ruine in Italien zu renovieren. Als ob alles ausgemachte Sache sei, die AfD nur weiter steigen könne, das freie, demokratische Europa am Ende, das Baltikum bald von Russland besetzt sei und man gegen Klimawandel und seine Folgen nichts machen könne, als einfach weiter zu feiern, bis einem irgendwann die Wellen über dem Kopf zusammenschlagen.
Kaputthauen lernt man schon im Sandkasten
Dass alles dem Untergang geweiht sei, das ist ja auch das, was die extremen Ränder ständig an die Wand malen. Wobei sie den Untergang weniger fürchten, als ihn herbeisehnen oder aktiv an ihm mitarbeiten. Alles zerschlagen, ist die Devise, weil das System selbst korrupt sei. Einmal gründlich aufräumen, mit der Kettensäge. Davon verspricht man sich dann Reinigung, Katharsis, revolutionäre Zustände. Wenn ohnehin alles verloren ist, ist auch jedes Mittel recht. An Abmachungen braucht man sich dann nicht mehr zu halten, der Wahrheit und den Fakten sich nicht mehr verpflichtet fühlen, gegen politische Konventionen kann man verstoßen, und regieren tut man per Dekret. Kaputthauen, das lernt man schon im Sandkasten, ist bekanntlich einfacher als Aufbauen. Und wieso mit Argumenten überzeugen, für die eigenen politischen Ziele werben, Konsens finden, wenn man dem Gegner auch einfach verbal die Fresse polieren kann.
Es ist natürlich ein Unterschied, ob ein Mann mit Macht und Reichtum wie Peter Thiel einem apokalyptischen Denken nachhängt oder Hannes Müller von nebenan. Aber auch das apokalyptische Denken von letzterem ist nicht zu unterschätzen. Es heißt ja immer, diese nihilistischen Untergangsphantasien seien eine Reaktion auf das Sich-machtlos-Fühlen angesichts einer komplizierten, chaotischen, bedrohlich wirkenden Welt. Und ja, so ist die Welt oft tatsächlich. Aber der Glaube an die Apokalypse macht sie nicht weniger bedrohlich, im Gegenteil. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn wenn man irgendwo etwas weniger machtlos ist, dann in einer Demokratie. Betrachtet man alles schon von vornherein als doomed und verloren, verhält man sich auch so. Dabei ist der Lauf der Dinge nicht festgeschrieben.
In Ungarn wurde kürzlich der Autokrat Orbán abgewählt. Trotz des rigorosen Umbaus der Medienlandschaft und jahrelanger Angriffe auf Zivilgesellschaft und Opposition. Das Klimaproblem und seine Folgen in den Griff zu bekommen, ist natürlich ungleich schwieriger, wie auch viele andere Krisen unserer Zeit. Die Zukunft ist vielleicht nicht rosig, aber man kann sie gestalten. Und das kann auch nicht viel schwerer sein, als ohne Handwerkskenntnisse eine Ein-Euro-Ruine in Apulien zu renovieren.

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