Lesen Sie mehr über die neuesten Entwicklungen, Hintergründe und spannenden Lösungsansätze in unserem Themenspezial.
Welchen Anteil, schätzen Sie, hat Strom am gesamten Endenergieverbrauch in Deutschland? – Hier kommt die Auflösung: Es ist etwa ein Fünftel.
Erstaunlich wenig läuft elektrisch, wenn man bedenkt, wie stark sich die Energiediskussion um Strom dreht.
Viel zu wenig, wenn es nach Murat Kurum geht. Der türkische Umweltminister hat an diesem Dienstag in Bonn mit seinem australischen Kollegen Chris Bowen das Programm für die kommende Weltklimakonferenz vorgestellt , die im November in Antalya von der Türkei und Australien gemeinsam geleitet werden soll. Als Schlüsselinitiative schlug Kurum den Delegierten vor, die Weltgemeinschaft solle sich ein neues Ziel bis 2035 vornehmen: »Wir streben an, die Wende zu sauberer Energie zu beschleunigen, indem wir die weltweite Elektrifizierungsquote auf 35 Prozent anheben.«
Logischer Fortschritt
Ein Elektrifizierungsziel, das ist neu – und zugleich ein logischer Fortschritt der internationalen Klimaabkommen. Am Anfang stand die Vereinbarung, die Erderwärmung auf ein Maß zu begrenzen, an das sich die Menschen noch anpassen können. Daraus folgte, den Ausstoß von Treibhausgasen wie CO₂ zu stoppen. Was wiederum den konkreten Schritt voraussetzt, das Verbrennen fossiler Brennstoffe wie Öl, Gas oder Kohle zu beenden. Dazu konnte sich die Weltklimakonferenz noch nicht durchringen; als das Thema auf der vorigen Konferenz 2025 bis zur Beschlussvorlage vorankam, wurde der Widerstand der Ölstaaten und anderer fossiler Interessen zu stark.
Trotzdem könnte gerade jetzt die Zeit kommen, noch einen Schritt weiterzugehen: positiv formuliert, zum naheliegenden Ersatz für fossile Energie, und der ist in aller Regel elektrisch.
Je konkreter die Konsequenzen werden, desto greifbarer werden sie auch im Alltag. In Australien hat sich eine Initiative »Electrify Everything« genannt, in der Bürger und Kommunen Praxistipps austauschen, wie sie ihr Leben elektrischer gestalten können. Statt einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor kann man ein E-Auto nehmen – oder noch besser die Bahn, wo der Elektroantrieb schon lange bewährt ist. Statt Gas- oder Ölheizung eine strombetriebene Wärmepumpe. Mithilfe von Stromnetz und Batteriespeichern lassen sich Energieströme austauschen und optimieren, statt sich nur nach dem momentanen Bedarf einzelner Geräte zu richten.
So kann das gesamte Energiesystem nicht nur sauberer, sondern auch sparsamer und sicherer werden. Wenn Klimaschutz als Argument nicht mehr zieht, bleiben noch Macht und Geld. Der Irankrieg verdeutlicht den Punkt: Wer mehr elektrifiziert, ist unabhängiger davon, ob Tanker durch die Straße von Hormus oder andere Engpässe kommen. So schreibt ein Berater des Finanzinvestors Carlyle Group in der »Financial Times« von der »New Joule Order«, die der Westen noch nicht begriffen habe.
Norwegen hat das Ziel übertroffen
Schon im Januar – vor dem Angriff der USA und Israels auf Iran – riet Fatih Birol , der Chef der Internationalen Energieagentur, den Europäern: »Elektrifiziert alles, so viel ihr könnt, elektrifiziert alles. Verkehr, Industrie und so weiter.«
Elektrisch bedeutet zwar nicht gleich erneuerbar. Aber die Stromproduktion von fossilen Brennstoffen wie Kohle auf erneuerbare Quellen wie Sonne und Wind umzustellen – das ist bei allen Problemen noch der vergleichsweise einfache Teil der Energiewende. Alternativen zu Benzin, Diesel, Heizöl oder Erdgas auf Basis von Wasserstoff, synthetischen oder biogenen Produkten zu suchen, ist der umständliche, teure und unflexible Weg. In der Regel ist es klüger, die Maschinen gegen solche mit Elektroantrieb einzutauschen.
Birols Einschränkung »So viel ihr könnt« ließe sich etwa auf die Chemie- oder Papierindustrie beziehen, die schwer auf Gas verzichten kann, oder auf Kohle in Hochöfen und Zementwerken (Lesen Sie hier die Recherche meiner Kolleginnen und Kollegen, wie schwer es fällt, die zu dekarbonisieren).
Von 100 Prozent elektrischer Energie spricht deshalb vorerst niemand. Der türkische Vorstoß eröffnet zumindest die Diskussion, wie viel Bewegung sich die Staaten zutrauen. Die Elektroauto- und Wärmepumpennation Norwegen hat das 35-Prozent-Ziel schon übertroffen, Japan und Taiwan stehen kurz davor, China hat sich in kurzer Zeit zum Elektrostaat gewandelt und ist nicht mehr weit von der Marke entfernt. Deutschland steht in der Elektrifizierung eher im globalen Mittelfeld und kommt bisher kaum vom Fleck.
Wenn Sie mögen, informieren wir Sie einmal in der Woche über das Wichtigste zur Klimakrise – Storys, Forschungsergebnisse und die neuesten Entwicklungen zum größten Thema unserer Zeit. Zum Newsletter-Abo kommen Sie hier.
Die SPIEGEL-Beiträge zur Klimakrise
Übertragung durch Stechmücken: Das West-Nil-Virus ist jetzt in Berlin heimisch
In der Hauptstadt hat sich das West-Nil-Virus etabliert. Auch andere von Stechmücken übertragene Erreger breiten sich in Deutschland aus. Was Sie jetzt über die Risiken wissen müssen.Geplante KI-Rechenzentren: Diese Menschen kämpfen gegen die Maschinenfarmen der Techriesen
In den USA verhindern Anwohner immer häufiger den Bau von KI-Rechenzentren. Der Hass auf Google, Amazon und Co. vereint die politischen Lager.Pilotprojekt: Ein Heidelberger Konzern verspricht, eines der größten Klimaprobleme beim Bauen einzudämmen. Die Bilanz nach einem Jahr ist mies
Bis zu acht Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen entstehen in Zementwerken. Ein deutscher Konzern will das Treibhausgas abfangen und im Boden speichern, doch sein Vorzeigeprojekt in Norwegen funktioniert schlechter als gedacht.Hitzecheck 2026: Deutsche Umwelthilfe beklagt massiven Verlust von Stadtbäumen
Fast eine Million Stadtbäume sind in Deutschland seit 2018 verschwunden. So verlören Städte natürlichen Hitzeschutz und seien schlecht auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet, kritisiert die Deutsche Umwelthilfe.Forderung nach Tempolimit: Greenpeace-Aktivisten kleben Tempo-100-Schilder an Autobahnen an
Plötzlich wurde aus der 130 eine 100: Greenpeace-Aktivisten haben neue Schilder an Autobahnabschnitten angebracht – und Kritik an der Bundesregierung geübt.Probleme für Fans: Uno-Klimasekretariat warnt vor extremer Hitze bei der Fußball-WM
Hohe Temperaturen werden ein prägendes Element der Fußball-WM, da ist sich das Uno-Klimasekretariat sicher. Die größte Gefahr könne außerhalb der Stadien lauern.Warnung an Deutschland: Sieben EU-Länder rufen zu »ehrgeizigem Kurs« für E-Autos auf
Mehrere Länder stellen sich gegen abgeschwächte EU-Regeln zum Verbrenner-Aus und planen einen strikten Kurs in Richtung E-Mobilität – mit einer klaren Ansage an Deutschland.

vor 1 Tag
1








English (US) ·