Auch nach dem noch nicht rechtskräftigen Urteil des Bonner Landgerichts wird Michael Winterhoff sich ungerecht behandelt sehen, von Neidern zur Strecke gebracht, seine Genialität von Richtlinienheinis verkannt. Der Kinderpsychiater und frühere Bestsellerautor Winterhoff, wegen Körperverletzung nun zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt, wird trotz dieses aufreizend milden, weit hinter dem Antrag der Staatsanwaltschaft bleibenden Strafmasses die Anderen verantwortlich machen.
Aufsässige und anderweitig Verhaltensauffällige
Bei ihm waren es über Jahre hinweg immer schon die Anderen, die falsch lagen, als kleine oder große Tyrannen, derweil die coole Sau, wie man beinahe zu sagen versucht wäre, ihre richtigen Diagnosen stellte, ihre heilenden Therapien verschrieb. Dr. Winterhoff pflegte aufsässige, eigensinnige und anderweitig verhaltensauffällige Kinder in den Titeln seiner Bücher als Tyrannen in den Senkel zu stellen.
Damit schien der Ton gesetzt, um den naturgemäß überforderten Eltern, Lehrern und sonstigen Personalern der Juvenilität eine verkaufsträchtige Entlastung zu verschaffen. Die Erlösungsbedürftigkeit im Umgang mit dem rabiaten Kind traf hier auf eine in den Talk-Shows durchgereichte Promi-Autorität, eine entzündliche Gemengelage, aus der diese jeden Einwand ignorierende Vertrauensseligkeit hervorging: Lasst den nur mal machen, den Dr. Winterhoff, der weiß schon, was er tut!
Chemisch die Literatur bewahrheiten
Mit ihrer Prominenz bürgen sie für ein Produkt: Was Boris Becker für, sagen wir, Nutella ist, war Michael Winterhoff für das sedierende Neuroleptikum Pipamperon. Während der Kinderpsychiater in seinen Büchern die kulturelle Dimension der tyrannischen Natur freilegte, ideelle Grenzsetzungen geltend machte, stellte er in seiner Praxis die Probleme mit Psychopharmaka ruhig. Still ist still, was will man mehr? So schienen sich seine literarischen Thesen gleichsam chemisch zu bewahrheiten, während die Pillen ihre Wirkkraft aus dem kulturellen Kapital seiner Bücher bezogen. Ein arbeitsteiliger chemisch-kultureller Komplex, in Gang gehalten durch die mediale Beglaubigung des Namens Winterhoff.
Synergetisch kam da eins zum anderen, bis im August 2021 die WDR-Story „Warum Kinder keine Tyrannen sind“ ausgestrahlt wurde, zum Gerichtsurteil abrufbar in der ARD-Mediathek. Der Film legt wenn nicht dem literarischen Psychodenker, so doch dem pharmakologischen Psychoklempner gleichsam das Handwerk, mit erschütternden Aussagen von Menschen, die sich in Dr. Winterhoffs Bonner Praxis verlaufen hatten. Schienen die Diagnosen von dem fachlichen Outcast doch wie ein Passepartout gehandhabt worden zu sein: Entwicklungsretardierung im frühkindlichen Narzissmus, befördert von symbiotisch mit dem Nachwuchs verbundenen Eltern, weswegen diese Teil jenes Problems sind, für das Dr. Winterhoff und seine überdosierte Dauermedikation sich als Lösung empfahlen. Coole Sau klingt dafür nicht tyrannisch genug.

vor 3 Stunden
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