Frankfurt. Die Blockade der Straße von Hormus hat die globalen Energiemärkte in die wohl schwerste Krise ihrer Geschichte gestürzt. So müssen die Verbraucher in Europa drastisch steigende Spritpreise verkraften, Fluggesellschaften streichen erste Flüge. Beim Blick auf Asien stellt sich allerdings heraus – dort ist die Lage noch wesentlich dramatischer.
Derzeit versuchen die Regierenden vieler asiatischer Länder verzweifelt, die Nachfrage nach Öl und Gas einzudämmen. Es gilt, den Zusammenbruch der kompletten Versorgung mit Energie zu verhindern. Erste Länder wie Sri Lanka greifen bereits zu extremen Maßnahmen, schließen sogar Schulen, um den Energieverbrauch zu verringern.
Doch während weite Teile der Welt unter der Öl- und Gasknappheit leiden, zeichnet sich ab, dass es auf der anderen Seite des Atlantiks einen großen Profiteur des aktuellen Kriegsgeschehens geben könnte: die Ölindustrie der USA. Damit kommt der Krisengewinner ausgerechnet aus dem Land, dessen militärisches Vorgehen die Versorgungsengpässe ausgelöst hat.
Seit Jahren streben die USA danach, den Öl produzierenden Staaten der Allianz Opec plus Marktanteile wegzunehmen. Bereits in den vergangenen Jahren ging die Marktmacht der Allianz leicht zurück. Um die Ölpreise zu stabilisieren, hatten Mitglieder wie Saudi-Arabien ihre Produktion freiwillig im großen Stil gedrosselt, während zeitgleich die US-Schieferölförderung leicht anstieg.
Vorbild für Trump-nahe Produzenten
Der enorme Preisanstieg macht den Export von Öl hochattraktiv. Seit Beginn der US-israelischen Angriffe auf den Iran ist der Preis der US-Schieferölsorte um fast 50 Prozent gestiegen – von 67 US-Dollar pro Barrel auf fast 100 US-Dollar pro Barrel. Die US-Ölindustrie steht daher bereits in den Startlöchern, ihre Produktion hochzufahren. Laut Bloomberg benötigen Schieferölproduzenten Ölpreise zwischen 62 und 70 US-Dollar pro Barrel, um neue Bohrungen profitabel durchzuführen.
Einer der Vorreiter, der die Gunst der Stunde nutzt, ist der Milliardär Harold Hamm. Er gilt als lautstärkster Unterstützer und wichtigster Wahlkampfspender von Donald Trump in der Ölindustrie, die zu den wichtigsten Geldgebern der US-Präsidenten zählen. Hamms Unternehmen Continental Resources kündigte nun als erster prominenter US-Produzent an, Investitionsbudgets und Förderziele zu erhöhen.
Hamm könnte damit zum Vorbild für weitere Trump‑nahe US‑Schieferölproduzenten werden, etwa GeoSouthern Energy, Moncrief Oil oder Midland Energy, die wohl ebenfalls die Chance ergreifen dürften, von den hohen Ölpreisen zu profitieren.
Marktanteil der Opec plus sinkt
Innerhalb weniger Wochen beschleunigte sich ein Trend, der viele US-Ölproduzenten zu Gewinnern und die Länder der Opec plus zu Verlierern von Marktanteilen macht. Die Entwicklung basiert auf gleich zwei Ursachen. Zum einen kündigten die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) überraschend an, bereits am 1. Mai aus der Ölallianz auszutreten. Die VAE stehen für rund elf Prozent der Opec-Produktion und für rund acht Prozent der Opec-plus-Produktion.
Zum anderen ist der Krieg gegen den Iran dafür verantwortlich, dass die Ölproduktion stark zurückgegangen ist. So wurden laut Opec-Angaben allein im März täglich 7,88 Millionen Barrel weniger gefördert. Besonders hart traf es dabei den Irak, dessen Förderung um 2,56 Millionen Barrel pro Tag fiel. Derzeit können dort nur noch 1,63 Millionen Barrel täglich gefördert werden. Auch Saudi-Arabien verzeichnet ein deutliches Minus der pro Tag geförderten Ölmenge von 2,31 Millionen Barrel.
Im April verringerten sich die geförderten Ölmengen weiter. Laut Schätzungen der US-Energiebehörde EIA liegen die Produktionsausfälle in der Golfregion bei 9,1 Millionen Barrel pro Tag.
Da das Öl kriegsbedingt nicht auf Containerschiffen durch die Straße von Hormus transportiert werden kann, sahen sich die Ölförderländer gezwungen, ihre Produktion massiv zu drosseln. Längst haben alle Lagertanks ihre Kapazitätsgrenzen erreicht, die sich auch nicht schnell erhöhen lassen. Hinzu kommt eine in Teilen zerstörte Ölinfrastruktur, deren Reparatur Monate oder Jahre in Anspruch nehmen wird.
Historische Erfahrungen zeigen, dass es im Schnitt fast acht Monate dauert, bis sich das Ölangebot nach einer Nahostkrise wieder stabilisiert. Darauf weisen Analysten der Société Générale hin. Ebenfalls bestätigt die Internationale Energieagentur (IEA): Nach der Öffnung der Straße von Hormus dürfte es Monate dauern, bis die volle Kapazität wieder am Markt ist.
Steigende US-Ölimporte
In dieses gewaltige Marktvakuum stoßen nun die US-Produzenten, die ihre Rolle als globaler Öllieferant massiv ausbauen. Die Zahlen belegen: Die US-Ölexporte erreichten Mitte April ein Rekordniveau von täglich fast 13 Millionen Barrel. Vor allem asiatische Raffinerien, die zuvor fast ausschließlich am Golf kauften, sind inzwischen auf US-Rohöl angewiesen.
Die US-Ölproduzenten profitieren definitiv von der Lage im Nahen Osten. Kerstin HottnerVontobel
Kerstin Hottner, Head of Commodities beim Investmenthaus Vontobel, sagt: „Die US-Ölproduzenten profitieren definitiv von der Lage im Nahen Osten.“ Das sehe man vor allem an den Tankerbewegungen. „Die leeren Tanker, die im Golf vor der Straße von Hormus gewartet haben, wurden umgeleitet und nahmen Kurs in Richtung USA.“ Mit US-Öl und Ölprodukten beladen, nahmen sie im Anschluss Kurs auf Asien oder Europa.
Allein für die Verladung in asiatischen Häfen im Mai haben Händler aus Japan, Südkorea, Singapur und Thailand laut Bloomberg 60 Millionen Barrel gekauft, so viel wie seit drei Jahren nicht mehr.
Derzeit speist sich der US-Exportboom allerdings noch zu einem erheblichen Teil aus den strategischen Notfallreserven (SPR) der USA, die im Rahmen des IEA-Notfallplans freigegeben wurden. Insgesamt handelt es sich um 172 Millionen Barrel. Davon könnten laut Schätzungen von Vortexa über 50 Millionen Barrel bis Juni exportiert werden.
Auch ein deutsches Unternehmen profitiert
Zu den Profiteuren, die in den USA ihre Ölproduktion erhöhen, zählt auch ein deutsches Unternehmen: die Deutsche Rohstoff AG. Die Öl- und Gasproduktion in Nordamerika zählt zu ihrem Kerngeschäft. CEO Jan-Philipp Weitz räumt offen ein: „Wir sind ganz klar Profiteure des höheren Ölpreises und können schnell reagieren.“ Bisher sei immer ein Bohrgerät aktiv gewesen, aktuell seien es drei.

Halliburton: Der weltweit größte Anbieter von Fracking-Dienstleistungen meldet für das zweite Quartal bereits nahezu volle Auftragsbücher in Nordamerika an. Foto: AP
„Wir erwarten im zweiten Halbjahr eine Produktion von mehr als 20.000 Barrel pro Tag, das sind rund 50 Prozent mehr als noch im Vorjahr“, erklärt Weitz. Als vergleichsweise kleiner Ölkonzern kann die Deutsche Rohstoff AG schnell reagieren. Das ist ihr Vorteil. „Exxon und Co. haben bereits zu Beginn des Jahres ihre Budgets gesetzt, und Änderungen kosten Zeit“, sagt Weitz mit Blick auf die Konkurrenz.
Bis sich die höheren Ölpreise also signifikant auf die US-Produktion auswirken werden, braucht es eine gewisse Vorlaufzeit. Nach Angaben von Bloomberg dauert es bis zu neun Monate, eine neue Schieferquelle in Betrieb zu setzen. Kurzfristig können die Produzenten daher lediglich auf bereits gebohrte, aber noch nicht fertiggestellte Quellen (DUCs) zurückgreifen.
Verwandte Themen
USA
Iran
Donald Trump
US-DollarRekordproduktion erwartet
Dennoch: Die US-Energiebehörde EIA erwartet für 2027 eine Rekordproduktion von fast 14 Millionen Barrel pro Tag. Halliburton, der weltweit größte Anbieter von Fracking-Dienstleistungen, meldet für das zweite Quartal laut Bloomberg-Angaben bereits nahezu volle Auftragsbücher in Nordamerika an.
Trotz dieser Goldgräberstimmung gibt es aber auch innerhalb der US-Ölindustrie Verlierer. Zu ihnen zählt etwa Exxon Mobil. Rund ein Fünftel der globalen Ölproduktion des Konzerns ist durch die Straße von Hormus blockiert. Wichtige LNG-Anlagen wurden von Raketen beschädigt.
Zudem droht das Risiko einer „Nachfragezerstörung“. Die Kunden senken massiv ihren Ölverbrauch. Die EIA warnt: Die extrem hohen Preise könnten das globale Nachfragewachstum in diesem Jahr auf 600.000 Barrel pro Tag halbieren.

vor 4 Stunden
1









English (US) ·