Frankfurt. Seit mehr als drei Monaten ist die Straße von Hormus kaum mehr passierbar. Dennoch notiert der Ölpreis mit nur knapp über 90 Dollar etwa 30 Dollar unter seinen Höchstständen vom April. Während sich die globalen Lagerbestände in dramatischem Tempo leeren, spiegelt sich die Knappheit also bis jetzt kaum im Preis wider. Was könnten die Gründe dafür sein?
Experten warnen, dass die Ölpreise rasant steigen könnten, sollte die Straße von Hormus länger blockiert bleiben und die strategischen Reserven zur Neige gehen. Dann werde es massive Versorgungsengpässe geben.
Noch ist der Ölmarkt allerdings vor allem von Volatilität geprägt. Der Preis kann binnen eines Tages mehrere Prozent nach oben springen oder sinken, weil sich der Konflikt zwischen den USA, Iran und Israel in eine günstige oder ungünstige Richtung entwickelt.
So stieg der Preis der Rohölsorte Brent am 1. Juni um fast acht Prozent, nachdem die iranische Nachrichtenagentur Tasnim mitteilte, dass das iranische Verhandlungsteam den indirekten Austausch mit den USA über Vermittler einstellt. Auch Montag legte Brent bis zu fünf Prozent zu, nachdem Israel den Iran angriff. Nachdem Israel und Iran vereinbarten, ihre Angriffe vorerst einzustellen, gab der Preis stark nach und sank am Dienstag sogar zeitweise unter 90 Dollar.
Die starken Preisschwankungen je nach Nachrichtenlage schrecken mittlerweile sogar Händler ab. Die Anzahl der offenen Kontrakte für Brent-Öl – also aller Kontrakte am Terminmarkt, die noch nicht verkauft oder erfüllt wurden – fiel zeitweise auf den niedrigsten Stand seit August letzten Jahres. „Die Kunden sind erschöpft“, sagte Daan Struyven, Rohstoffexperte bei Goldman Sachs, gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg.
Ölkonzerne warnen vor kritischem Punkt
Derzeit befinden sich Händler und der Ölmarkt also in einer Art Wartehaltung. Sollten die Gespräche zwischen den USA und dem Iran scheitern, könnten die Preise deutlich steigen – zumal sich die physische Knappheit bald deutlich bemerkbar machen dürfte.
So warnen derzeit immer mehr Ölkonzerne davor, dass der globale Ölmarkt kurz vor einer deutlichen Verknappung stehen könnte, falls die Straße von Hormus nicht wieder geöffnet wird. Das schrieb etwa Arne Lohmann Rasmussen, Chefanalyst beim dänischen Investmenthaus Global Risk Management, in der vergangenen Woche in einer Notiz. Exxon Mobil gehe davon aus, dass der Markt noch etwa zwei bis vier Wochen von einem Lagerbestandsniveau entfernt sein könnte, bei dem die Preise erneut stark steigen.
Warum die Preise bisher nicht steigen
Doch noch wird die Knappheit am Ölmarkt verschleiert. Zum einen ist das Saudi-Arabien zu verdanken. Der größte Produzent der Golfstaaten konnte etwa 70 Prozent seiner Exporte aufrechterhalten, weil er täglich etwa sieben Millionen Barrel über die Ost-West-Pipeline zum Rotmeerhafen Yanbu umleitet.
Außerdem haben die Mitgliedsstaaten der Internationalen Energieagentur (IEA) die Knappheit durch die Freigabe von Reserven in Höhe von 400 Millionen Barrel dämpfen können. Allein die USA speisen derzeit täglich etwa 1,1 Millionen Barrel aus ihrer Reserve ein.
Ein wichtiger Faktor ist aber auch China, dessen Ölimporte deutlich zurückgingen. Weltweit ist China der größte Ölimporteur, die Nachfrage der Volksrepublik ist also ein wichtiger Faktor für den Ölpreis. Im vergangenen Jahr, als der Ölmarkt gut versorgt war, stabilisierte China den Ölpreis, indem es seine strategischen Lager im großen Stil auffüllte. Diese Strategie zahlt sich in der Krise nun aus.
Chinesische Importe sanken seit Ausbruch des Krieges um 4,3 Millionen Barrel pro Tag, wie das Goldman-Analystenteam, darunter Struyven, in einer Notiz schreibt. Das sei ein Rückgang um 38 Prozent.
Die starken Rückgänge stünden im Einklang mit einer geringeren Raffinerieauslastung in China, das könne auch auf Lagerabbau hinweisen, schreibt das Analystenteam.
Irgendwann dürften auch die chinesischen Ölreserven erschöpft sein. „China wird nicht dauerhaft fünf Millionen Barrel pro Tag weniger importieren“, sagt Tom Baker, Vorstandsmitglied beim Ölhändler Vitol, laut Bloomberg. Sobald Peking wieder kaufe, werde der Preis steigen.
Denn der Ölmarkt ist bereits jetzt massiv unterversorgt und ist nur durch den massiven Abbau von Reserven funktionsfähig. Laut der IEA wurden allein im März und April globale Lagerbestände in Höhe von 247 Millionen Barrel abgebaut. Ende April lagen die weltweiten Bestände bei 7,95 Milliarden Barrel. Für Mai stehen die Zahlen noch aus.
Umgerechnet beläuft sich der Abbau pro Tag auf rund vier Millionen Barrel, das entspricht rund vier Prozent der weltweiten Ölnachfrage vor dem Krieg.
Der gesamte Produktionsverlust dürfte bis Ende Mai bei schätzungsweise einer Milliarde Barrel gelegen haben, schreibt UBS-Ölanalyst Giovanni Staunovo. Bis September könnten die Produktionsverluste laut UBS sogar auf zwei Milliarden Barrel steigen. Der Schweizer Großbank zufolge soll der Ölmarkt im zweiten Quartal um rund 6,7 Millionen Barrel pro Tag unterversorgt sein.
Es könnte sich bis ins Jahr 2027 hinziehen, bis wieder normale Niveaus erreicht werden. Amin NasserSaudi Aramco
Jede Woche gehen etwa 100 Millionen Barrel Produktion verloren, sollte die Straße von Hormus geschlossen bleiben, warnte auch Saudi-Aramco-Chef Amin Nasser gegenüber Bloomberg. „Je länger die Lieferunterbrechungen andauern, selbst nur noch einige weitere Wochen, desto länger wird es dauern, bis sich der Ölmarkt wieder ausgleicht und stabilisiert“, sagte Nasser. „Es könnte sich bis ins Jahr 2027 hinziehen, bis wieder normale Niveaus erreicht werden.“
Die Ansicht teilt auch Sultan Ahmed Al Jaber, CEO von Adnoc, dem staatlichen Energiekonzern der Vereinigten Arabischen Emirate. Es dauere mindestens vier Monate, bis 80 Prozent der Ölströme wieder erreicht werden, und eine vollständige Normalisierung sei erst im ersten oder zweiten Quartal 2027 möglich.
Preis über 150 Dollar drohen
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Und sollte sich die Öffnung der Straße von Hormus auf Ende Juni verschieben, könnte der Ölpreis auf mehr als 120 US-Dollar pro Barrel steigen, schätzt die US-Energiebehörde EIA.
GRM-Analyst Rasmussen schreibt sogar: „Sollte die Straße von Hormus ein bis zwei Monate geschlossen bleiben, ohne Aussicht auf eine kurzfristige Wiederöffnung, und gleichzeitig deutliche Anzeichen eines angespannten Marktes auftreten, würde ich einen Brent-Preis von 130 bis 150 Dollar erwarten.“
UBS-Analyst Staunovo hält Preise von mehr als 150 Dollar für möglich, sollte die Straße von Hormus noch länger nicht passierbar sein. „Zudem bleibt die Sorge bestehen, dass Knappheitsängste zu Hamsterkäufen führen könnten, was die Preisbewegungen zusätzlich verstärken würde.“

vor 2 Stunden
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