Hans Pleschinski wird 70: Die Demokratisierung des Überflusses

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Düsseldorf 1954. Nach achtzehnjähriger Abwesenheit besucht ein Mann seine Eltern. Als er wegging, war er noch ein junger Mann. Jetzt ist er nicht mehr jung. Er kommt nicht allein. „Zwei Herren aus Fernost“ heißt das zweite Kapitel von Hans Pleschinskis Roman „Königsallee“ aus dem Jahr 2013. Unbehelligt hat Klaus Heuser die Jahre des Zweiten Weltkriegs als Kaufmann weit weg von Deutschland überlebt. Der Heimatbesucher wird von seinem Leibdiener, Kompagnon und Lebenspartner begleitet, einer eleganten, dunkelhäutigen Erscheinung mit dem Vornamen Anwar.

Dass mit dem verlorenen Sohn ein wilder Schwiegersohn ins Haus in der Gartenstadt Alt-Meererbusch kommt, ist für die Eltern nicht der Rede wert. Nun ist der Vater Werner Heuser ein bekannter Kunstmaler, der 1946 zum Direktor der Düsseldorfer Akademie ernannt wurde, und auch die Mutter stammt aus einer Künstlerdynastie. Ihre Welt war und ist charakterisiert durch geistige Freizügigkeit. Dass ihr Junge einen jungen Indonesier im Schlepptau hat, wird für sie gleichwohl vielleicht nicht selbstverständlich gewesen sein? Anscheinend doch.

Altern als Problem für Nichtkünstler

Das gemischtfarbige schwule Paar darf sich im Adenauer-Rheinland sofort zu Hause fühlen: eine kleine, private Utopie, die Pleschinski in seinen eigenen Roman hineingeschmuggelt hat, in aller Diskretion skizziert, durch Aussparung, eine Vignette am Rande der doppelten Haupt- und Staatsaktion, die der Stoff der Handlung ist: fürs schaulustige, an Repräsentation interessierte Publikum in der schon wieder fast unverschämt wohlhabenden Stadt Düsseldorf der Besuch des neunundsiebzigjährigen Thomas Mann, fürs Publikum mit dem Buch in der Hand, dessen Leselust, wenn es ehrlich ist, durchaus auch durch repräsentative Valeurs stimuliert wird, die von Pleschinski erfundene, durch den Aufwand des Romanarrangements versprochene und zum guten Schluss auch gewährte Wiederbegegnung Thomas Manns mit seinem Geliebten aus dem Sommer 1937.

Am 27. August 1954 besuchte Thomas Mann Schloss Benrath bei Düsseldorf mit seiner Frau Katia und dem nordrhein-westfälischen Kultusminister Werner Schütz (rechts). Hier lässt Hans Pleschinski die von ihm erfundene Wiederbegegnung von Thomas Mann und Klaus Heuser spielen, in Nachbildung der Schlussszene von Manns Erzählung „Die Betrogene“.Am 27. August 1954 besuchte Thomas Mann Schloss Benrath bei Düsseldorf mit seiner Frau Katia und dem nordrhein-westfälischen Kultusminister Werner Schütz (rechts). Hier lässt Hans Pleschinski die von ihm erfundene Wiederbegegnung von Thomas Mann und Klaus Heuser spielen, in Nachbildung der Schlussszene von Manns Erzählung „Die Betrogene“.Wilhelm Margulies / Theatermuseum Düsseldorf

„Königsallee“ ist ein Thomas-Mann-Roman, was zum Zeitpunkt des Erscheinens schon ein eigenes Subgenre des literaturhistorischen Romans war, aber auch, und davon war in den überwiegend enthusiastischen Rezensionen vielleicht zu wenig die Rede, ein Klaus-Heuser-Roman. Jeder Thomas-Mann-Liebhaber kennt Heuser, weil Thomas Mann in den nicht vernichteten Bänden seines Tagebuches so offenherzig über dessen Bedeutung für sein Leben geschrieben hat. Als Joseph und Felix Krull ist er ins Werk eingegangen, und so blieb er für die Leser Thomas Manns ewig jung – anders natürlich als in der wirklichen Welt, aus der Pleschinski ihn unter Benutzung von Nachlassdokumenten in die Literatur zurückholt. Altern als Problem für Nichtkünstler ist eines der Nebenthemen von „Königsallee“. Die Himmelsveränderung bietet Klaus und Anwar Anlass, getrennt voneinander über die Stabilität ihrer in die Jahre und damit in ein behagliches Gleichgewicht geratenen Beziehung nachzusinnen. Gefährdet wird sie nicht von Thomas Mann, sondern von einer Thomas-Mann-Figur, einem Liftboy, der als Doppelgänger Krulls angelegt ist.

Pleschinski hat sich auf Künstlerromane spezialisiert, ließ zwei weitere Romane über Literaturnobelpreisträger folgen, „Wiesenstein“ 2018 zu Gerhart Hauptmann und „Am Götterbaum“ 2021 zu Paul Heyse. Dass die Kunst im Leben nicht alles ist, wird im ausgenüchterten Zustand auch der größte Künstlerromanfan nicht bestreiten, aber es gehört eine besondere Kunst dazu, dies im Roman zu verstehen zu geben, also im Zuge der Ausschüttung der Rauschmittel.

Nach den Eltern ergreifen die Kinder das Wort

Klaus Heuser teilt bei Pleschinski mit Thomas Mann die Überempfindlichkeit. Einer der lustigsten Einfälle kommt ganz am Anfang. In welcher Gestalt eilt Thomas Mann sein Ruhm voraus? In der Präsidentensuite, die er im Breidenbacher Hof beziehen wird, werden neue schalldichte Türen eingebaut. Klaus Heuser flieht aus dem Elternhaus, weil er die pausenlosen Reden nicht erträgt, mit denen die Eltern nach achtzehnjähriger Trennung auf ihn und seinen Freund eindrängen. Zwei Mansarden im Grandhotel bieten Asyl, doch die Klinke der ungepolsterten Zimmertür geben sich ungebetene Gäste in die Hand, Erika Mann und der um Entnazifizierung bettelnde Germanist Ernst Bertram. Golo Mann kommt noch hinzu, und alle drei reden, reden, reden. Dem Protagonisten des Klaus-Heuser-Romans möchte man zurufen: Selbst schuld – was musstest du auch ins Exil gehen?

Der 1943 zerstörte Breidenbacher Hof wurde 1950 wiedereröffnet. Mit dem Wiederaufbau war Emil Fahrenkamp beauftragt worden, der schon für den Umbau 1928 verantwortlich gezeichnet hatte, aber die dezidiert modernen Züge von 1928 wurden zurückgenommen.Der 1943 zerstörte Breidenbacher Hof wurde 1950 wiedereröffnet. Mit dem Wiederaufbau war Emil Fahrenkamp beauftragt worden, der schon für den Umbau 1928 verantwortlich gezeichnet hatte, aber die dezidiert modernen Züge von 1928 wurden zurückgenommen.Wikimedia Commons

Die Maßlosigkeit der rhetorischen Einlagen ist offenkundige dichterische Absicht. Nur worin besteht sie? Im Thomas-Mann-Roman verweisen die missglückten Reden der Kinder und des einstigen gelehrten Beraters auf die Ansprachen an deutsche Hörer und Leser, die sozusagen zur Schonung der Adressaten im Roman nicht reproduziert werden, weil Pleschinski annehmen kann, dass wir inzwischen unsere Lektion gelernt haben. So vergegenwärtigt die vollendet heitere Form den Ernst der Sache. Klaus Heuser ist im Fernen Osten verschont geblieben von der Verführung zum Mitschuldigwerden, wie wir Nachgeborenen verschont sind. Das Denkmal Thomas Manns wird aus nächster Nähe inspiziert, hier und da sogar mit einer gewissen kollegialen Frotzelei bedacht, aber der Humanist wird nicht vom Sockel gestürzt.

In Hans Pleschinskis autofiktionalem Roman „Bildnis eines Unsichtbaren“ von 2002, der soeben in einer Neuausgabe erschienen ist, zitiert der Ich-Erzähler aus dem Tagebuch seines verstorbenen Lebenspartners, dass es diesem „nahezu unmöglich“ war, Thomas Manns „Zauberberg“ auszulesen, weil er sich „gegen die Totalität der Illusion“ sträubte. Pleschinskis Romane brechen diese Illusion auf und stellen sie wieder her, indem sie den Leser am Wiederaufbau beteiligen. Geschichte ist sein Stoff, die Summe unausgeschöpfter Möglichkeiten. Als Übersetzer und Herausgeber hat uns Pleschinski Quellen aus den süßen und bitteren Tagen des Ancien Régime geschenkt: den Briefwechsel zwischen Friedrich II. und Voltaire, die Tagebücher des Herzogs von Croÿ, zuletzt die Aufzeichnungen der Kammerzofe von Marie-Antoinette.

Erika und Golo Mann haben im Roman ihr Erbe gut angelegt, geben, wenn sie den Mund aufmachen, erst einmal Champagner oder Niersteiner aus. Eine prächtige Allee bildet die lange Reihe der Bücher von Hans Pleschinski. Der Königsweg seiner Phantasie führt uns in ein Land, in dem die Großzügigkeit regiert. Am heutigen Samstag stoßen wir auf seinen siebzigsten Geburtstag an.

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