Frankfurt. Bei Andrzej Szczepaniak haben die Notenbanker der Europäischen Zentralbank (EZB) einen Nerv getroffen. Der Analyst der japanischen Bank Nomura hat seine Zinsprognose für die Euro-Zone verdoppelt: Statt zwei Zinserhöhungen erwartet Szczepaniak nun vier.
Nachdem die EZB ihren wichtigsten Leitzins, den Einlagensatz für Banken, am Donnerstag auf 2,25 Prozent erhöht hat, verfestigen sich an den Märkten zwei wesentliche Eindrücke: Mit der ersten Zinserhöhung seit drei Jahren ist es nicht getan. Doch die EZB vollzieht eine Zinswende auf Bewährung.
Obwohl EZB-Präsidentin Christine Lagarde bewusst vage blieb, erwarten die meisten Analysten einer Handelsblatt-Analyse zufolge noch eine weitere Zinserhöhung, überwiegend im September. Investoren setzen hingegen auf zwei weitere Schritte, wie Handelsdaten von den Terminmärkten zeigen.
Auf Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer wirkte Lagardes Beschreibung der Inflationsrisiken zwischen den Zeilen besorgter als bisher. „Wir erwarten mehr denn je, dass die EZB ihre Zinsen auf der übernächsten Sitzung im September erneut erhöhen wird.“
Das deckt sich mit den Erkenntnissen von Carsten Brzeski: Der Chefvolkswirt der Bank ING hat den Eindruck, dass „eine zweite Zinserhöhung – entweder im Juli oder September – wahrscheinlicher geworden ist“. Bei der Unicredit heißt es, die EZB wirke „nicht in Eile“, die Leitzinsen vor September weiter anzuheben.
Zweite Erhöhung im Juli möglich
Auch Jari Stehn von Goldman Sachs sieht sich in seiner Prognose einer zweiten Zinserhöhung im September bestätigt. Stehn sieht aber auch mögliche Anlässe für eine zügigere zweite Erhöhung im Juli: weiter steigende Energiepreise oder die Einsicht, dass Firmen vermehrt höhere Kosten weitergeben und der Inflationsdruck in der Breite zunimmt.
Worauf warten, wenn jedes Szenario weitere Zinserhöhungen rechtfertigt? Ökonomen der US-Bank Citi
Für die Ökonomen der US-Bank Citi spricht nach Lage der Dinge viel dafür, bei nächster Gelegenheit in sechs Wochen nachzulegen: „Worauf warten, wenn jedes Szenario weitere Zinserhöhungen rechtfertigt?“ Insgesamt vier mögliche Entwicklungen hatte die EZB am Donnerstag skizziert – von mild bis miserabel. Alle laufen auf erhöhte Inflationsrisiken hinaus.
Krämer hält dagegen, dass ein zweiter Schritt im Juli vielen Notenbankern „wohl ein zu rasches Zinserhöhungstempo signalisieren würde“. Anatoli Annenkov von der französischen Bank Société Générale bevorzugt September, weil dann klarer sein dürfte, ob die globalen Ölreserven aufgebraucht sind oder sich die Lage allmählich entspannt.
Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) fordert die EZB auf, mehr zu tun: „Der Leitzins wird steigen müssen, um den Einfluss des Schocks auf die Inflation einzudämmen“, hieß es am Donnerstag. Der italienische Ökonom Lorenzo Codogno erwartet sogar eine neuerliche Hochzinsphase mit einem Leitzins von 3,5 Prozent – eine Minderheitsmeinung.
EZB-Notenbanker bleiben vage zum Zinskurs
Öffentlich halten sich die Euro-Hüter bedeckt. Bundesbankchef Joachim Nagel rechtfertigte die in Mittelstand und Gewerkschaften kritisierte Zinserhöhung als notwendig, weil sich die Aussichten für die Inflation weiter verschlechtert hätten. Mit Blick auf den Zinsentscheid im Juli halte man sich alle Optionen offen und sei bereit, bei Bedarf erneut zu reagieren.
Der slowenische Notenbankchef Primoz Dolenc ließ im Interview mit dem Finanzsender Bloomberg die weiteren Schritte offen. EZB-Präsidentin Lagarde hatte in der Pressekonferenz zum Zinsentscheid bloß wiederholt: Der EZB-Rat werde weiter strikt von Sitzung zu Sitzung entscheiden.
Flexibilität ist jetzt entscheidend. Marcel FratzscherPräsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung
Die EZB bewege sich „auf einem schmalen Grat“ zwischen Inflationsrisiken und Wachstumssorgen, sagte Blackrock-Kapitalmarktstrategin Ann-Katrin Petersen. „Es ist ein Balanceakt“, bestätigt Ulrich von Auer vom deutschen Ableger der Privatbank JP Morgan.
„Flexibilität ist jetzt entscheidend“, sagte Marcel Fratzscher, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW. Denn die EZB befinde sich „in einem echten Dilemma: Ihr Mandat verlangt Preisstabilität, die Konjunktur würde aber eher Entlastung brauchen.“
Muss die EZB die Leitzinsen 2027 wieder senken?
Analysten spielen vor diesem Hintergrund schon jetzt ein an den Märkten kaum beachtetes Szenario durch: Demnach könnten die Leitzinsen in der Euro-Zone bereits im kommenden Jahr wieder sinken.
So erwarten die Analysten Rune Thyge Johansen und Kirstine Kundby-Nilesen von der Danske Bank zwar im September die zweite Zinserhöhung. Sie halten aber zugleich an ihrer Prognose fest, dass die EZB den Leitzins bereits im ersten Quartal 2027 wieder auf 2,0 Prozent senken werde.
Goldman-Experte Stehn und der Chefvolkswirt der spanischen Bank Santander, Antonio García Pascual, rechnen ebenfalls mit einer zweiten Zinserhöhung im September und Zinssenkungen im gleichen Umfang im kommenden Jahr.
Jack Allen-Reynolds vom Analysehaus Capital Economics hält es für plausibel, dass höhere Zinsen ein Intermezzo bleiben, wenn sich der Energiepreisschock legt: „Wir wären nicht überrascht, wenn die EZB den Einlagensatz nächstes Jahr zurück auf zwei Prozent senkt.“
Berenberg-Chefökonom Holger Schmieding unterstrich Befürchtungen, dass die EZB mit weiteren Zinserhöhungen eine Rezession verursachen könnte. Das könne sie 2027 zu Zinssenkungen zwingen. „Über den wirtschaftlichen Schaden hinaus wäre eine solche geldpolitische Achterbahnfahrt nicht gut für die Glaubwürdigkeit der EZB“, so Schmieding.
Als abschreckendes Beispiel gilt eine verfrühte Zinserhöhung im Jahr 2011, die die EZB nach kurzer Zeit zurücknehmen musste. Damals verschärfte zusätzlich zu höheren Energiepreisen und einer Konjunkturschwäche eine Staatsschuldenkrise die Lage.
Zusammen mit der ungewöhnlich großen Bandbreite an Zinsprognosen ergibt sich für Anleger ein unbequemes Gesamtbild: Die Aussichten zum Zinskurs sind so unsicher wie die Weltlage.
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„Für Risikoanlagen wird das Umfeld in Europa in jedem Fall anspruchsvoller“, sagt Johannes Mayr, Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Eyb & Wallwitz. „An den Anleihemärkten spricht der Kurs der Geldpolitik in Europa dafür, Laufzeiten nicht zu kurz zu halten.“
Blackrock-Strategin Petersen sagt, man bleibe neutral gegenüber Staatsanleihen des Euro-Raums positioniert. „Ohne eine belastbare Deeskalation des Konflikts dürften die Risiken weiterhin in Richtung höherer und volatilerer langfristiger Renditen tendieren.“
Am wahrscheinlichsten scheint derzeit, dass Leitzinsen und Anleiherenditen in der Euro-Zone noch etwas steigen werden. Doch die Zinswende auf Bewährung dürfte die Märkte noch nervös machen.

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