Geldpolitik: EZB erhöht erstmals seit drei Jahren die Leitzinsen

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Frankfurt. Unter Protest aus Teilen der Wirtschaft erhöht die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen. Der für Spar- und Kreditzinsen maßgebliche Einlagensatz für Banken steigt um einen Viertelprozentpunkt auf 2,25 Prozent. Das gab die Notenbank am Donnerstag im Anschluss an die Beratungen des EZB-Rats bekannt.

Investoren und Analysten hatten die erste Zinserhöhung in der Euro-Zone seit drei Jahren erwartet, weil die Inflation anzieht. Die Teuerungsrate ist von 1,7 Prozent im Januar auf 3,2 Prozent im Mai gestiegen. Auslöser ist die Energiekrise infolge des Irankriegs.

Die EZB sieht bei einem Wert von zwei Prozent Preisstabilität. Sie hat ihre Prognosen zur Inflation angehoben und für das Wachstum abgesenkt.

Im Jahresdurchschnitt 2026 erwartet sie, dass die Inflation 3,0 Prozent betragen wird. Das sind 0,4 Prozentpunkte mehr, als die EZB im März erwartete. 2027 dürfte die Inflation 2,3 Prozent betragen, 2028 2,2 Prozent. Auch diese Werte sind höher als im Basisszenario vom März.

Ihre Wachstumsprognose für 2026 hat die EZB überraschend nur minimal abgesenkt, von 0,9 auf 0,8 Prozent. Andere Ökonomen sind pessimistischer: So erwarten die Konjunkturexperten der Deutschen Bank dieses Jahr nur noch 0,5 Prozent Wachstum in der Euro-Zone. 2027 und 2028 soll das Wachstum laut EZB auf 1,2 und 1,5 Prozent anziehen.

Die EZB ist die erste große Notenbank, die nach dreieinhalb Monaten Irankrieg in Reaktion auf den Ölpreisschock und Lieferengpässe die Geldpolitik strafft. Von der Bank of Japan erwarten die Märkte am Dienstag ebenfalls eine Zinserhöhung von 0,75 auf 1,0 Prozent.

In den USA haben Investoren die lange erhoffte Zinssenkung angesichts des starken Arbeitsmarktes ausgepreist. Stattdessen setzen sie auf eine Zinserhöhung im Laufe des Jahres, weil die Inflation in den USA im Mai auf ein Dreijahreshoch von 4,2 Prozent gestiegen ist. Nächste Woche dürfte die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ihre Leitzinsspanne vorerst bei 3,5 bis 3,75 Prozent belassen. Abwarten dürften nach Einschätzung von Investoren auch die britische Notenbank Bank of England (3,75 Prozent) und die Schweizer Nationalbank (0,0 Prozent).

Die Förderung von Wachstum muss jetzt im Mittelpunkt stehen. Dirk JanduraPräsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA)

In Mittelstand und Gewerkschaften trifft die Zinserhöhung auf Ablehnung. Zwar seien die Inflationszahlen „alarmierend“, sagte Dirk Jandura, Präsident des Wirtschaftsverbands BGA. Dennoch handele die EZB „verfrüht“. Höhere Zinsen erschwerten gerade Mittelständlern notwendige Investitionen. Dabei müsse die Förderung von Wachstum „jetzt im Mittelpunkt stehen“.

Ohne Not würge die EZB die Konjunktur ab, lautet der Tenor im Gewerkschaftslager. „Die Preise steigen nicht durch eine überhitzte Wirtschaft“, kritisierte Stefan Körzell, stellvertretender Vorsitzender des Dachverbands DGB. Ein IG-Metall-Sprecher sagte laut der Nachrichtenagentur Reuters, die Zinserhöhung dämpfe das Wachstum, ohne die Ursachen der Inflation zu beseitigen.

Während Kritiker wie Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding und Pictet-Ökonom Frederik Ducrozet die Bedenken teilen, finden die meisten Ökonomen die Zinserhöhung nachvollziehbar. „Eine Zinserhöhung steht im Einklang mit den Daten“, sagte Deutsche-Bank-Experte Mark Wall. „Sie zeigen ein gewisses Risiko anhaltender Inflation.“ Mehrere Experten betonen, die EZB müsse die Inflationserwartungen stabil halten, um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren.

Auch Michael Krautzberger von Allianz Global Investors überzeugen die Argumente, die Zinsen zu erhöhen. Er macht über den Energiesektor hinaus erste Anzeichen eines breiteren Preisauftriebs aus, insbesondere bei Konsumgütern. „Dies deutet darauf hin, dass sich Zweitrundeneffekte zu materialisieren beginnen.“

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Die Baubranche rechnet mit Preisschüben bei allenfalls minimal wachsenden Umsätzen. Bitumen, Beton, Zement, Kunststoffe, Diesel und Heizöl hätten sich binnen weniger Wochen spürbar verteuert, sagte der Verbandsvorsitzende Marcus Nachbauer am Donnerstag. Gut drei Viertel der Betriebe meldeten höhere Materialpreise. „Und die Preise werden weiter steigen.“

Knapp 43 Prozent der Baufirmen haben ihre Preise dem Branchenverband zufolge bereits erhöht, mehr als die Hälfte plane dies noch. In der Chemieindustrie gehen laut Branchenverband VCI mehr als vier Fünftel der Firmen von Preiserhöhungen aus. Materialmangel treibt einer Studie des Ifo-Instituts zufolge vor allem in der Holz- und Pharmaindustrie die Preise.

Für die EZB sind die nachlaufenden Effekte für Verbraucher prekär. Die Ifo-Studie zeigt: Konsumenten spüren die Folgen solcher Engpässe bis zu zwei Jahre nach dem ursprünglichen Schock in Form höherer Verbraucherpreise.

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