Düsseldorf. US-Hedgefonds haben ihre Depots für das zweite Quartal kräftig umgebaut. Das zeigen Daten der US-Großbank Goldman Sachs. Sie hat dafür die Depots von unregulierten Investmentfonds ausgewertet, die zwischen zehn und 200 Aktienpositionen halten, deren Wert bei insgesamt mindestens zehn Millionen Dollar liegt.
Demnach sind unter den 20 größten Positionen im Quartalsvergleich sechs neue Aktien: Vier gelten als Profiteure des Booms Künstlicher Intelligenz (KI), hinzu kommen eine Bank und ein Sonderfall. Das Handelsblatt stellt die sechs Unternehmen vor und zeigt, wie Analysten die Aussichten einschätzen.
Applied Materials
Der Halbleiterzulieferer Applied Materials ist einer der vier KI-Profiteure. Das Unternehmen aus Kalifornien baut selbst keine Chips, sondern stellt die Maschinen und Anlagen her, die von der Halbleiterindustrie benötigt werden, um Mikrochips und moderne Displays zu produzieren.
CEO Gary Dickerson sagte vergangene Woche im Rahmen der Quartalszahlen: „Angesichts der steigenden Nachfrage und der zunehmenden langfristigen Planungssicherheit seitens der Kunden sehen wir eine außergewöhnlich starke Grundlage für ein nachhaltiges Umsatz- und Gewinnwachstum über mehrere Jahre hinweg.“ Bereits die jüngsten Quartalszahlen lagen über den Erwartungen der Analysten.
Diese erhöhten daraufhin ihre Kursziele für die nächsten 52 Wochen: im Schnitt von 450 auf fast 520 US-Dollar. Damit sehen sie mehr als 20 Prozent Kurspotenzial, obwohl die Aktie seit Jahresbeginn bereits um mehr als 60 Prozent auf fast 427 Dollar gestiegen ist. 34 Analysten raten derzeit zum Kauf der Aktie, sechs zum Halten, und niemand empfiehlt den Verkauf.
Durch die Kursrally ist aber auch die Bewertung gestiegen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Basis des in diesem Geschäftsjahr erwarteten Nettogewinns liegt bei 34. Der Börsenwert entspricht also dem 34-fachen erwarteten Jahresgewinn. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre.
Wir halten es für unwahrscheinlich, dass sich der Bewertungsabschlag kurzfristig verringern wird. Shane BrettAnalyst bei Morgan Stanley
Doch im Vergleich zu den Konkurrenten Lam Research und KLA ist Applied Materials sogar günstig bewertet. Lam Research kommt auf ein KGV von knapp 49 und KLA von 47.
Die Analysten der US-Investmentbank Morgan Stanley um Shane Brett erklären diesen Bewertungsabschlag mit Bedenken hinsichtlich Marktanteilsverlusten in China und senkten am Montag ihr Rating von „overweight“ auf „equal weight“. Das kommt einer Abstufung von Kaufen auf Halten gleich.
Citigroup
Unter den großen US-Banken weist die Citigroup die höchste Kaufempfehlungsquote auf: Hier raten 19 von 23 Analysten zum Kauf der Aktie, das entspricht einer Quote von knapp 83 Prozent.
Damit honorieren die Analysten die Arbeit von Citigroup-CEO Jane Fraser: Sie startete 2021 eine Unternehmenstransformation, verschlankte das Institut, baute Tausende Stellen ab und richtete es stärker auf die Kernbereiche aus, darunter das Firmenkundengeschäft, der Handel und die Vermögensverwaltung.
Im abgelaufenen Quartal erreichten die Erlöse mit knapp 25 Milliarden Dollar den höchsten Stand im vergangenen Jahrzehnt, vor allem dank eines florierenden Wertpapierhandels. Der Nettogewinn stieg im Jahresvergleich um mehr als 40 Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar – den höchsten Wert seit Beginn der Transformation.
Der Aktienkurs ist infolge dieser positiven Geschäftsentwicklung bereits gestiegen – um 70 Prozent binnen zwölf Monaten. Allerdings ist die Aktie mit einem KGV von elf immer noch günstiger bewertet als die Konkurrenz, die auf Werte von bis zu 16 kommt. Aktionäre profitieren über Dividenden – die Dividendenrendite liegt bei zwei Prozent – und Aktienrückkäufe zusätzlich von der Geschäftsentwicklung.
Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 147 Dollar. Damit sehen sie mehr als 15 Prozent Kurspotenzial. Beachten sollten Anleger vor dem Hintergrund des Irankriegs und der gestiegenen Energiepreise allerdings, dass Bankaktien häufig konjunktursensibel sind. Fraser warnte bei den jüngsten Quartalszahlen: „Wir haben eine unsichere Makro-Entwicklung vor uns.“
Core Scientific
Core Scientific betreibt große, energieintensive Standorte mit spezialisierten Rechnern und der nötigen Strom- und Kühlinfrastruktur. Ursprünglich wurden diese vor allem für das Schürfen der Digitalwährung Bitcoin genutzt. Mittlerweile ist das Unternehmen ein KI-Profiteur.
Es nutzt seine Standorte zunehmend als Infrastruktur- und Hosting-Service für Kunden, die Rechenleistung für KI-Anwendungen benötigen. Der Umsatzanteil des Bitcoin-Minings fiel im vergangenen Quartal bereits von 84 auf 26 Prozent.
Die Analysten der US-Bank Jefferies um Jonathan Petersen halten den Strategiewechsel für vielversprechend, um vom KI-Boom zu profitieren. Sie schreiben: „Einer der größten Engpässe ist die Stromversorgung, und genau hier haben diese Entwickler einen Vorsprung, da sie die ursprünglich für das Bitcoin-Mining bestimmte Energie nun für den Aufbau von KI-Rechenzentren nutzen.“
Die Aktie stieg seit Jahresbeginn bereits um fast 60 Prozent auf knapp 23 Dollar. 15 von 18 Analysten raten aber immer noch zum Kauf der Aktie, drei weitere zum Halten. Ihr durchschnittliches Kursziel liegt bei 28,50 Dollar, was ein Plus von knapp 25 Prozent im Vergleich zum aktuellen Kurs bedeuten würde.
Der neue KI-Fokus hat dem Unternehmen im vergangenen Quartal ein Umsatzplus von 45 Prozent auf 115 Millionen Dollar beschert. Perspektivisch glaubt das Unternehmen an einen Umsatzanstieg auf 850 Millionen Dollar jährlich.
In diesem Jahr rechnen Analysten zwar mit noch keinem Nettogewinn, 2027 soll sich das aber ändern und der Gewinn fortan deutlich wachsen. Auf Basis der künftig erwarteten Gewinne wirkt auch die Aktie nicht mehr so teuer: Das 2027er-KGV liegt bei 44, das 2028er-KGV bei sechs. Konkurrenten wie Cipher, Terawulf und Hut 8 weisen deutlich höhere Bewertungen auf.
Allerdings ist Core Scientific hochverschuldet. Das macht die Aktie anfällig, sollte das Unternehmen die Wachstumsziele verfehlen.
Echostar Corporation
Das Telekommunikationsunternehmen Echostar ist ein Sonderfall, weil es in den vergangenen Monaten aus einem ungewöhnlichen Grund in den Fokus von Anlegern gerückt ist. Sie nutzen die Aktie als Umweg, um in das Raumfahrtunternehmen SpaceX zu investieren, das Mitte Juni an die Börse gehen könnte.
Echostar verkaufte in mehreren Schritten einen Großteil seines Funkfrequenzspektrums an SpaceX. Im Gegenzug erhielt Echostar Anteile an SpaceX – schätzungsweise zwei Prozent. Analyst Gregory Williams von TD Cowen hält die Aktie daher für unterbewertet.
Er geht bei seiner Rechnung davon aus, dass SpaceX beim Börsengang mit 1,75 Billionen bewertet wird. Den Wert der Echostar-Beteiligung reduzierte er aus steuerlichen Gründen und wendete auf die drei eigentlichen Geschäftsbereiche – Satellitenkommunikation, drahtlose Netzwerke und TV-Dienste – einen Konglomeratsabschlag von zehn Prozent an.
Auf diese Weise kommt er bei der Echostar-Aktie auf einen Wert von 155 Dollar. Das wäre ein Aufschlag von 13 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs von knapp 142 Dollar. Demnach hätte die Aktie noch Potenzial, obwohl der Kurs sich binnen zwölf Monaten bereits versechsfacht hat.
Fällt die Bewertung höher aus als Williams erwartet, könnte das Kurspotenzial noch größer sein. Fällt die Bewertung niedriger aus oder gerät der SpaceX-Aktienkurs nach dem Börsengang unter Druck, könnte darunter aber auch die Echostar-Aktie leiden.
Anleger sollten zudem beachten, dass der Aktienkurs auch von der Geschäftsentwicklung abhängt. Im Pay-TV-Segment, dem größten Geschäftsbereich, sank die Abonnentenzahl im vergangenen Quartal beispielsweise stärker als erwartet. Im Endeffekt erwirtschaftete Echostar einen Verlust. Von den fünf Analysten, die Echostar derzeit bewerten, rät neben Williams daher nur einer zum Kauf der Aktie.
GE Vernova
Die Geschäfte laufen gut – nicht zuletzt wegen des KI-Booms: Im abgelaufenen Quartal sorgte ein starker Anstieg der Stromnachfrage, insbesondere durch energieintensive Rechenzentren, für höhere Bestellungen von Gasturbinen und Netzausrüstung. Dadurch wird die Schwäche der Windsparte überkompensiert.
Im abgelaufenen ersten Quartal steigerte das Unternehmen seinen Umsatz um 16 Prozent. Der Auftragsbestand stieg sogar um 71 Prozent, weshalb GE Vernova auch seine Jahresprognose erhöhte. Im Aktienkurs ist aber ein großer Teil des kommenden Wachstums bereits eingepreist.
Der Kurs stieg seit Jahresbeginn um mehr als 50 Prozent, seit dem Börsengang beträgt das Plus mehr als 700 Prozent. Dadurch liegt das KGV mittlerweile bei 65. Beim Konkurrenten Siemens Energy beträgt das KGV lediglich 40. Selbst wenn man bei GE Vernova die im Geschäftsjahr 2028 erwarteten Gewinne zur Berechnung heranzieht, sinkt das KGV nur auf 29.
Seit dem am 23. April erreichten Rekordhoch hat die Aktie bereits mehr als zehn Prozent verloren. Analysten werten den Rücksetzer aber überwiegend als Einstiegschance. Von 37 Experten raten 31 zum Kauf, die restlichen sechs zum Halten. Das durchschnittliche Kursziel liegt aktuell bei 1250 Dollar und damit gut 20 Prozent über dem aktuellen Niveau.
Lumentum Holdings
Die Aktie des Optiktechnologie-Herstellers Lumentum ist seit Jahresbeginn um mehr als 130 Prozent gestiegen. Zuletzt scheint sich die Rally abgekühlt zu haben. Im Vergleich zum Rekordhoch von knapp 1086 Dollar ist der Kurs um 20 Prozent gefallen auf unter 900 Dollar. Für die meisten Analysten ist die Aktie aber weiterhin ein klarer Kauf.
20 Kaufempfehlungen stehen derzeit fünf zum Halten entgegen. Der Großteil erhöhte im Rahmen der am 5. Mai veröffentlichten Quartalszahlen seine Kursziele, sodass das durchschnittliche Kursziel von 900 auf 1100 Dollar stieg. Das wäre ein Plus von mehr als 25 Prozent im Vergleich zum aktuellen Kurs.
Lumentum stellt optische Sensoren und Subsysteme her, die schnelle Datenübertragungen bei minimaler Verzögerung ermöglichen und für das Training und den Betrieb von KI-Modellen erforderlich sind. Die Analysten von Needham sehen in den Produkten daher einen „zentralen Baustein der KI-Infrastruktur“.
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Goldman SachsUnterstrichen wird diese Bedeutung dadurch, dass der Chipkonzern Nvidia im März zwei Milliarden Dollar in Lumentum investierte. Damit ist die Aktie ebenso wie die drei anderen KI-Profiteure aber abhängig von der Marktstimmung: Wachsende Sorgen vor einer KI-Spekulationsblase würden den Kurs wahrscheinlich belasten.
Die Aktie ist mit einem KGV von 111 extrem hoch bewertet, allerdings erwarten Analysten auch ein rasantes Gewinnwachstum. Auf Basis der für 2027 prognostizierten Gewinne fällt das KGV auf 47, für 2028 auf 31. Damit befindet sich diese Bewertung in etwa auf dem Niveau des Konkurrenten Coherent.
Hinweis: Das von den Analysten errechnete Kurspotenzial bezieht sich auf den Schlusskurs vom 20. Mai. Dieser Artikel ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf der besprochenen Aktien. Er soll zur Diskussion anregen und kann Ausgangspunkt für weitere Recherchen sein.

vor 2 Tage
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