Düsseldorf. Ein solcher Stimmungswechsel ist selten: Aktien von Speicherchipherstellern und Anbietern von Datenspeicherlösungen sind im ersten Halbjahr teilweise um mehrere Hundert Prozent gestiegen, ehe sie spektakulär einbrachen.
Ein Extrembeispiel ist die Entwicklung des südkoreanischen Unternehmens SK Hynix. Dessen Aktie stieg vom Jahresbeginn bis zum 25. Juni um fast 360 Prozent und verlor danach in einer scharfen Korrektur fast 60 Prozent.
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Einer der wichtigsten ist die Bewertung: Nach dem Kurseinbruch sind viele Chipaktien gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV, auf Basis der erwarteten Gewinne der nächsten zwölf Monate) historisch günstig.
Der US-Konzern Micron Technology wird aktuell mit einem KGV von unter sechs bewertet, SK Hynix sogar unter vier. Das bedeutet: Anleger zahlen für jeden Dollar Gewinn weniger als sechs Dollar – bei SK Hynix weniger als vier. Damit liegen die KGVs jeweils mehr als 50 Prozent unter ihrem langfristigen Durchschnittswert.
Ulrich Stephan, der Chefanlagestratege der Deutschen Bank für Privatanleger, sagt daher mit Blick auf die gesamte Branche und unabhängig von einzelnen Unternehmen: „Da müssten die Gewinne schon ziemlich zusammenbrechen, damit die Kurs-Gewinn-Verhältnisse wieder auf das Niveau des S&P 500 steigen.“ Dessen KGV liegt bei knapp 20.
Selbst bei halbierten Gewinnerwartungen wären die Chipkonzerne bei konstanten Kursen noch günstiger als der breite Markt.
Speicherchips sind essenzieller Bestandteil von Künstlicher Intelligenz (KI). Zwar erfolgen die eigentlichen Berechnungen von KI-Modellen auf Grafikprozessoren (GPUs). Ohne Speicherchips (HBMs und DRAMs) können diese aber nicht arbeiten, da sie Daten schnell abrufen und ablegen müssen.
Prozentsteigerte Micron Technology im abgelaufenen Quartal seinen Nettogewinn gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Durch den KI-Boom trifft eine hohe Nachfrage auf ein begrenztes Angebot. Die Kapazitäten der drei größten Anbieter gelten bis 2027 als ausverkauft, sagt Peter Fintl, Chipexperte der französischen Beratungsgesellschaft Capgemini: „Kunden erhalten nach Stimmen aus der Lieferkette typischerweise nur 60 bis 70 Prozent der angefragten Mengen, teilweise gegen ‚Reservierungsgebühr', also Anzahlung.“
Die Knappheit treibt Preise und Gewinne: SK Hynix steigerte den Nettogewinn im abgelaufenen Quartal gegenüber dem Vorjahr um mehr als 1200 Prozent, Micron um fast 1400 Prozent. Weil die Kurse langsamer stiegen als die Gewinne, sind die Bewertungen gefallen. Das bietet Chancen, zeigt aber auch Skepsis, ob die Gewinne nachhaltig sind.
Sorge vor Überkapazitäten
Für diese Skepsis nennen Experten in Gesprächen und ihren Analysen mehrere mögliche Gründe: Entweder könnte die Chipnachfrage sinken, die Unternehmen könnten ihre Produktion zu stark ausweiten und Überkapazitäten schaffen, oder die Konkurrenz könnte steigen. In allen Fällen würden die Preise für Speicherchips und die Unternehmensgewinne sinken.
Dass die Chipnachfrage auf absehbare Zeit sinkt, erwartet Analyst Vivek Arya von der Bank of America aber nicht. Er verweist auf die hohen Investitionen (Capex) von Alphabet, Microsoft, Amazon und Meta, die riesige Rechenzentren betreiben: „Wir sehen einen wachsenden Appetit der Hyperscaler, weiter in Kapazitätsausbau zu investieren.“
Er rechnet damit, dass ihre kombinierten Ausgaben in diesem Jahr auf rund 860 Milliarden Dollar steigen werden. Das wäre ein Plus von 80 Prozent zum Vorjahr. 2027 rechnet er mit Investitionen von rund 1,2 Billionen Dollar. Die Konsensschätzung ist etwas niedriger.
Wie stark Chipkonzerne von diesen Investitionen profitieren, zeigt eine Aussage von Amy Wood. Die Finanzchefin von Microsoft sagte vergangene Woche anlässlich der Quartalszahlen in einer Telefonkonferenz zu Analysten: „Etwa zwei Drittel unserer Investitionsausgaben entfielen auf kurzlebige Vermögenswerte.“
Gemeint sind damit unter anderem GPUs. Werden diese stark nachgefragt, braucht es auch mehr Speicherchips. Solange die Hyperscaler in ihre Rechenzentren investieren, profitieren also auch die Chipkonzerne.
Analysten bewerten die Aktien von Speicherspezialisten vor diesem Hintergrund ausgesprochen positiv. Ihre Kursziele haben sie auch nicht angepasst, nachdem die Kurse zuletzt abgestürzt waren. Dadurch sehen sie teilweise Kurspotenzial von mehr als 100 Prozent.
Ohne Risiken wäre eine Investition aber nicht. Die Gefahr von Überkapazitäten sehen einige Experten durchaus. Robert Almeida, Portfoliomanager beim Finanzdienstleister MFS Investment Management, sagt: „Der Markt stellt die aktuelle Speicherknappheit nicht infrage. Er beginnt vielmehr, die künftige Entwicklung einzupreisen, nämlich ein Überangebot an Chips.“
In einem klassischen Kapitalzyklus treiben Knappheit die Gewinne sowie die Aktienkurse in die Höhe. Die hohen Gewinne ziehen wiederum Kapital an, mit dem das Angebot ausgebaut wird. „Aktien preisen in der Regel den Druck auf die Preisgestaltungsmacht und die Renditen bereits ein, bevor sich das Überangebot in den veröffentlichten Zahlen niederschlägt“, sagt Almeida. Tatsächlich bauen Anbieter wie Samsung, SK Hynix und Micron Technology ihre Produktion bereits massiv aus.
China holt auf
Verstärkt werden die Bedenken bezüglich Überkapazitäten durch die Entwicklung in China. Der chinesische Speicherhersteller CXMT hat seine Bilanz durch einen Börsengang gestärkt und kann nun seine Produktionskapazitäten erweitern. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete am Montag, dass CXMT ein zweites Speicherchip-Werk plane.
Fintl sagt: „In den kommenden ein bis drei Jahren verlieren die etablierten Spieler zwar nicht in bedrohlichem Ausmaß Geschäft an China, wohl aber schrittweise die Preissetzungsmacht im Massenmarkt für Speicher.“
Trotzdem sieht der Capgemini-Experte zwei Effekte, die für die etablierten Speicherchipkonzerne sprechen: „Zum einen binden die neu eingeführten Verträge mit Abnahmeverpflichtung die Kunden über drei bis fünf Jahre, weshalb der nächste Abschwung milder ausfallen dürfte als frühere.“
Zum anderen blieben spezielle Speicherchips in diesem Zeitfenster außer Reichweite. Denn CXMT fehle der Zugang zur entsprechenden Technologie. „Das margenstärkste Geschäft der etablierten Anbieter ist damit kurzfristig nicht angreifbar“, sagt Fintl.
Das zeigt, dass am Markt eine Menge Vorsicht schon eingepreist wurde. Ulrich StephanChefanlagestratege der Deutschen Bank
Dennoch beginnen die Märkte bereits, die Auflösung der Knappheit einzupreisen – ob zu Recht oder Unrecht. Das mache Investments in zyklische Unternehmen wie Chipunternehmen so kompliziert, sagt Almeida: „Zyklische Werte können funktionieren, aber das richtige Timing zu treffen, ist eben schwierig.“
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Die günstigen Bewertungen geben Anlegern allerdings einen Puffer. Deutsche-Bank-Experte Stephan sagt: „Das zeigt, dass am Markt eine Menge Vorsicht schon eingepreist wurde.“
Denn Unterbewertungen lassen sich auf zwei Wegen abbauen: Entweder müssten, wie Stephan sagt, die Gewinne sinken – oder die Kurse steigen.

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