Frankfurter Anthologie: Peter Maiwald: „Gregor Samsa sucht Gott“

vor 13 Stunden 2

Kafka verfasste keine Sonette, dafür tat es das arme Opfer seiner Phantasie, Gregor Samsa, angeleitet von Peter Maiwald, der mit linker Agitprop-Lyrik in den frühen Siebzigerjahren zum Enfant terrible der Szene wurde, sich dann aber in einen form- und traditionsbewussten Poeten von unvermindert kritischem Potential verwandelte. Dass Verwandlung ihrerseits Gegenstand von (Selbst-)Kritik sein kann und soll, veranschaulicht dieses Gedicht an einem berühmten Beispiel. Maiwald, dieser bardenhafte Virtuose der Sprache, war in späteren Jahren stets in Begleitung seiner Gitarre zu erleben, als er es zu seiner Sache machte, die widerständische Seele des Ostrocks und damit den Widerspruchsgeist neu aufleben zu lassen. In diesem Gedicht sinnt Gregor Samsa auf Rache, er, der in Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ zu einem Es wurde, einem Ungeziefer, gar bloßem „Zeug“, wie ihn die Bedienerin der Familie Samsa zuletzt nennt und den Befund ausspricht: „da liegt es, ganz und gar krepiert!“ Aber vielleicht hatte sie sich ja getäuscht, und „das Zeug“ lebte entgegen aller Wahrscheinlichkeit als dichtender Gregor Samsa weiter, womöglich als ein seinen geistigen Erzeuger, Kafka, heimsuchender Geist.

Die Rache des Verwandelten

Als die Samsas den Tod ihres „ekelhaft“ gewordenen Sohnes konstatieren, bekreuzigt sich in Kafkas Erzählung der Vater und dankt Gott für die Befreiung von dieser Familienzumutung. Auch diesem Gott versucht nun der Geist Gregors auf die Spur zu kommen. Denn wenn es ihm gelänge, Kafka zu stellen, dann fände er, so die Vermutung, auch Zugang zu Gott. Mitten im dritten Vers schlägt dann der anfängliche Möglichkeitsmodus ins Tatsächliche um. Das Gedicht dieses balladenversierten Dichters setzt sich als eine vermeintlich wirkliche Handlung fort, die jedoch im Leerlauf endet. Denn sich am Urheber der eigenen (Nicht-)Existenz zu rächen ist schwer genug, aber danach an Gott? Wie soll das gehen?

Maiwalds Gregor Samsa malt sich diesen Weg zu Kafka aus, zwar nicht in allen Farben – Farbmetaphern finden sich nicht in diesem Gedicht –, aber in deutlich benannten Gedankenschritten, die ins Kreiseln um die Frage geraten: Was wäre, wenn ich ihn fände? Auf diesem Weg gerät Maiwalds Samsa ‒ oder was von ihm übrig ist ‒ in eine Situation, die an die Türhüter-Parabel Kafkas erinnert und diese variiert. Zwölf Wächter-Apostel säumen den Weg zu einem Tor, hinter dem der Geist Gregors seinen Urheber, Kafka, vermutet. In Wahrheit verachten sie Gregor, hinterrücks lacht der Letzte der Apostel ihn sogar aus. Die zehn Boten, womöglich personifizierte Zehn Gebote, sollen Kafka im Namen seiner gemarterten Kreatur warnen, dass Gregors Geist zu ihm unterwegs sei. Was diese Warnung beinhaltet, bleibt offen.

Anders als der Türhüter Kafkas lässt sich Gregors Geist nicht vor diesem Tor nieder und wartet sich zu Tode, sondern bringt sein Anliegen sogleich vor: Er verlangt, Kafka zu sprechen. Nun die krönende Absurdität: Mit seiner eigenen Stimme verleugnet sich Kafka. Unklar ist ohnedies, was genau der Geist Gregors mit Kafka vorgehabt hätte, wenn er denn seines Erfinders habhaft geworden wäre. Irgendwie hätte er ihm Furcht einflößen wollen, weil er ihn, Gregor „gestaltet“ hat, aber wodurch, will das Gedicht nicht sagen. Was es aber vermittelt: Der in seinem Zustand Ohnmächtige sehnt sich nach nichts mehr, als den Mächtigen das Fürchten zu lehren und ihnen den Prozess zu machen.

Ob das, was Gregors Geist am Tor hört, eine akustische Täuschung ist? Betont er deswegen das „Unvermindert“ so deutlich, um es anschließend, auf „verhindert“ reimend, wieder abzuschwächen? Klanglich ereignet sich viel in diesem eigenwilligen Sonett, in dem ein „rhythmisches Modulieren“ vor sich geht, um ein Verfahren des Komponisten Nicolas A. Huber zu benennen, der auch Gedichte von Maiwald vertont hat. Maiwald selbst hat als Aufführender durch Schlagerrevuen und -verschnitte Musiktherapie in Pflegeheimen praktiziert. Doch sein an Leib und Seele versehrter Gregor Samsa übt sich, wie sich herausstellt, vergeblich in Selbsttherapie. Er will aber einen eignen Bezug zu Kafka herstellen, der ihm diese grausige Verwandlung zugemutet hat: „Warum gerade ich / nicht er?“

Es ist die schlichte, aber unbeantwortbare Schicksalsfrage gequälter, benachteiligter, von sich selbst entfremdeter Menschen überhaupt, die dieses scheinbar verendete Ungeziefer-Ich stellt. Was sich darin ausspricht, ist eine Kritik am Prinzip Verwandlung, da es eben auch zur Entrechtung, ja Entmenschlichung führen kann. Immerhin kann Maiwalds Gregor wieder Ich sagen, was jenem in Kafkas Erzählung zunehmend schwerfällt, bis völlige Schwäche ihn zum Es mutieren lässt. In der Erzählung verwandelt sich das Bewusstsein ins Zeughaft-Unbewusste. In Maiwalds Gedicht verhält es sich umgekehrt. Das Unbewusst-Gewordene ruft sich selbst in den Zeugenstand, um als Ich die Qualen seiner Verwandlung zu beklagen. Nur dass auch diese Klage sich in nichts auflöst und Gott ohnedies einmal mehr schweigt.

Peter Maiwald: „Gregor Samsa sucht Gott“

Wenn ich ihn find, der mich zu dem gemacht
ein Käfer, ekelhaft, ein Menschgewürm
er schlöß sich ein wie er nur will ich stürm
sein Haus, die Werkstatt und dann Gute Nacht
so gut wie meine wo ich schlaflos lieg
und denken muß: Warum gerade ich
nicht er? Wer mich gestaltet fürchte sich
zu Recht um seine Macht, wenn ich ihn krieg.
Zehn Wächter hab ich hinter mich gebracht.
Zehn Boten schon zur Warnung ihm gesandt.
Da hebt der elfte Wächter seine Hand
und ich hör wie entfernt der zwölfte lacht.
Ich klopf ans Tor und höre unvermindert
stets Kafka selbst: Herr Kafka ist verhindert.

Peter Maiwald: „Springinsfeld“. Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1992. Vergriffen.

Von Rüdiger Görner ist zuletzt erschienen: „Lucile Werden“. Roman. Löcker Verlag, Wien 2026. 316 S., geb., 29,80 €.

Redaktion Hubert Spiegel

Gedichtlesung Thomas Huber

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