Wie entsteht ein Gedicht? Was löst es aus, was gibt den Anstoß dafür, Worte auf eine bestimmte Weise anzuordnen, sie in ein rhythmisches Verhältnis zueinander zu setzen? Was bringt Menschen dazu, über Gefühle, Begegnungen, Erlebnisse (und vieles andere mehr) in Versen zu sprechen? Wann fügen sich die Silben zu einem besonderen Klang, entwickeln eine eigene sprachliche Kraft?
Die Frage danach, ob Dichtung nicht nur von persönlichem Genie und handwerklichem Können abhängig ist, sondern auch von Eingebung und Inspiration, ist so alt wie die Lyrik selbst. Für Platon war der Dichter ein Werkzeug der Götter, ein von höheren Mächten erfülltes Medium. Novalis glaubte an die dichterische Sprache als heilige, spirituelle Kraft, in der das Unsichtbare zum Ausdruck kommt. Und noch Rilke erschien die rauschhafte Niederschrift seiner „Sonette an Orpheus“ wie ein Diktat, „ein namenloser Sturm, ein Orkan im Geist“, der durch ihn hindurchfegte.
Die Aufgabe des Dichters
In modernen Poetiken spielt die Überlegung, ob man für das Verfassen von Lyrik auf göttlichen Beistand angewiesen ist, kaum mehr eine Rolle. Der 1933 in Donduşeni in der heutigen Republik Moldau geborene, in Moskau lebende russisch-jüdische Schriftsteller Alexander Isaakowitsch Gelman aber macht sie zum Gegenstand seines 2013 im Band „Kostyli i krylja“ (Krücken und Flügel) erschienenen Gedichts. Bevor es das Licht der Welt erblickt, überhaupt eine Gestalt findet, ist das Gedicht schon da, als Schemen, als flüchtige Substanz, als „blauer Dunst“ in der Brust des Dichters – jenem Resonanzraum für Klang und Rhythmus, in dem sich nach klassischer Vorstellung Atem, Sprache und Herzschlag verbinden.
In diesem embryonalen Zustand ist noch offen, ob aus dem, was als Gedicht angelegt ist, wirklich eines wird. Die drei ersten Verse benennen mit dem wiederholten „wenn“ die Bedingungen dieser Phase der Unsicherheit und Unklarheit, sie laufen auf den mittleren Vers zu, der sie aufgreift und in eine neue Perspektive überführt. Er bildet die zentrale Achse dieses auf den ersten Blick einfach gebauten, beim genaueren Lesen aber formvollendeten Gedichts. Die zunächst beschriebene passive Innerlichkeit des Dichters trifft auf eine äußere Autorität, die akzeptiert werden muss, um in ein aktives Handeln zu kommen („bete“, „hindere . . . nicht“, „sei nicht böse“).
Für das Zustandekommen von Gedichten sind also zwei Voraussetzungen unerlässlich. Die eine wird gleich im ersten Vers genannt. Nicht die Stärke einer Empfindung oder die Bedeutsamkeit des Inhalts entscheiden über die Qualität von Poesie, sondern allein die Form, die „durchaus nichts Äußerliches“ ist, vielmehr „jenes tief Erregende in Maß und Klang“, wodurch sich für einen formbewussten Dichter wie Stefan George schon immer die Meister von Nachahmern und Epigonen unterschieden haben.
Und wie entsteht diese Form? Eben nicht allein durch Willen und Kalkül, wie die letzten drei Verse dieses auch als lyrisches Selbstgespräch zu lesenden Gedichts deutlich machen. In einem Kommentar dazu schreibt der Autor: „Wenn Gedichte entstehen, gibt es jemanden in mir, der plötzlich die Worte auswählt und so miteinander verbindet, wie dieser jemand es für richtig hält. Diese Instanz mag der eine Inspiration nennen, der andere Gott oder dessen Energie. Es ist eine bestimmte Kraft in einem, die sich einem jedoch nicht fügt, sondern ihren eigenen Willen hat. Sie weiß um die Gesetze der Liebe und des Hasses zwischen den Wörtern, zwischen den Wörtern und dem Atmen, zwischen den Wörtern und dem Schweigen, sie bestimmt den Rhythmus der Verbindung von Worten.“
Dieser „komplizierten Schlichtheit“ seiner künstlerischen Gabe zu vertrauen, sich ihr anzuvertrauen, ist für Alexander Gelman die Aufgabe des Dichters. Wie bei einem Gebet kann man etwas erhoffen und erbitten, aber nichts erwarten und erzwingen. Die Größe eines Talents besteht gerade darin, nicht vollständig darüber bestimmen zu können, wie und in welchem Maße man ihm ausgeliefert ist. Die ironische Wendung im letzten Vers schließt die Möglichkeit des Scheiterns ausdrücklich ein, das man offenbar auch als einen Akt der Gnade verstehen kann.
In Alexander Gelmans Werk taucht Gott als Adressat nicht zu beantwortender Fragen immer wieder auf. Der Autor, der als Kind im Zweiten Weltkrieg in ein ukrainisches Ghetto deportiert wurde und gemeinsam mit seinem Vater einen Todesmarsch überlebte, der später Drehbücher und Theaterstücke schrieb, die ihn auch im deutschsprachigen Raum bekannt machten, der sich für Gorbatschows Reformkurs einsetzte und schon Anfang der Neunzigerjahre die restaurative und repressive Entwicklung Russlands vorhersagte, schreibt in einem anderen Gedicht: „Von allem, was Du, Gott, uns geschenkt hat / sterben nur die Fragen nicht, / in allen Zeiten richten wir an Dich / ein und dieselben Fragen. / Warum? Wofür? Wie lange noch?“
Alexander GelmanWenn das Gedicht noch keine Form hat
Wenn das Gedicht noch keine Form hat,
wenn es sich in deiner Brust zusammenballt wie blauer Dunst,
wenn noch unsicher ist, ob es wird,
wenn noch unklar ist, ob es von dir oder von Gott abhängt,
bete, dass es nach seinem, nicht nach deinem Willen gelinge,
hindere den Allerhöchsten nicht an seiner Arbeit,
sei nicht böse, wenn er es sich anders überlegt.
Aus dem Russischen von Susanne Rödel
In: „Sinn und Form. Beiträge zur Literatur“.
Heft 5/2025. Hrsg. von der Akademie der
Künste, Berlin 2025. 144 S., geb., 14,– €.
Von Matthias Weichelt ist zuletzt erschienen: „Der verschwundene Zeuge.
Das kurze Leben des Felix Hartlaub“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 232 S., geb., 20,– €.
Redaktion Hubert Spiegel
Gedichtlesung Thomas Huber

vor 2 Stunden
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