„Forensics“ im Test: Ermittlungsarbeit ist Fleißarbeit

vor 1 Tag 1

Warum braucht der Fotograf so lange? Er kauert nun schon mehrere Minuten am Tatort vor dem Regal, geht in die Hocke, steht wieder auf, dann schüttelt er entschuldigend den Kopf. Das Beweisstück kann er leider nicht fotografieren. „Der Winkel ist zu steil.“ Da kann man nichts machen.

Der rheinland-pfälzische Entwickler Binary Impact legt mit „Forensics: Crime Scene Detective“ ein Spiel vor, das man besser nicht mit Krimi-Serien wie CSI verwechselt. „Durch die Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz“ sei es „deutlich näher an realen forensischen Abläufen, als das bei einem rein fiktionalen Krimispiel der Fall wäre“, erklärt Senad Palic, Kommunikationsschef beim Entwickler, auf Anfrage. Aber das Ganze sei „kein Ausbildungstool und keine Lernsoftware“.

Beim Spielen liegt Forensics dennoch etwas zwischen den Welten. Es setzt auf den nüchternen Charme eines Simulationsspiels. Das Kriminallabor sieht nicht schick aus, sondern echt, mit farblosen Büromöbeln vor gekachelten Wänden.

In der Egoperspektive geht es an realistisch nachgebaute Tatorte und Apparate. Menschen sind nicht zu sehen. Ganz allein muss man zuerst alle Spuren sichten und sichern, dann analysieren. „Uns war wichtig, echte Methoden und Arbeitsweisen korrekt zu verstehen und sinnvoll ins Spiel zu übersetzen“, schreibt Palic. Aber natürlich wurde auch vieles verkürzt und vereinfacht. Man habe bewusst auf den Spielfluss geachtet. „Forensische Arbeit ist in der Realität hochkomplex, sehr genau, oft langsam und stark durch Prozesse geprägt. Im Spiel müssen diese Abläufe verständlich, spielbar und spannend bleiben.“

In der Praxis wurde ausgewählt. Der Fokus liegt auf einer Handvoll Aufgaben, die „fachlich relevant“ und gleichzeitig „spielerisch gut vermittelbar“ sein sollen. „Daktyloskopie beziehungsweise Fingerabdruckarbeit, Datenforensik, DNA-Spuren und der Bereich Munition“ sind die Hauptaufgaben im Spiel. In Minispielen ausgedrückt: Chips werden von Platinen gelöst, indem man mit einer Heißluftpistole drüberwischt. Das wirkt etwas willkürlich. Im Prinzip überzeugend ist aber der Abgleich von Fingerabdrücken, DNA-Profilen, Projektilen und Flugbahnen.

"Forensics: Crime Scene Detective" (13 Bilder)

Steile Winkel: Die Nemesis des Tatortfotografen. (Bild:

heise medien

)

„Forensics“ ist also ein Spiel über die eigentlichen Aufgaben der Forensik, aber weder Krimi noch Lernspiel. Dass es vielleicht Menschen in den Beruf oder generell zum LKA locken könnte, scheint hier aber schon irgendjemand zu hoffen. Im Labor hängen zahlreiche Werbeposter für Polizeiberufe.

Statt eines Vorgesetzten hat man als Forensiker einen Aktenschrank. Hier wählt man einen verfügbaren Fall aus, kämmt dann möglichst gründlich durch den Tatort, nummeriert, fotografiert und sammelt die Spuren auf. Im Labor werden die Spuren analysiert, die Ergebnisse per Mail verschickt, und dann gibt es einen Score für die Gründlichkeit der Ermittlungsarbeit. Dann geht es an den nächsten Fall. Brillante Denkleistungen sind hier nicht gefragt, sondern sorgfältiges Arbeiten.

Bei der Ermittlungsarbeit haben wir Probleme erlebt. Einiges ist wohl eine technische Macke, anderes zu schlecht erklärt.

Das umständliche Interface kann man auch als Erziehung zur Sorgfalt verstehen. Alles wird aufgeräumt. Am Tatort steht etwa ein Koffer mit Ermittlungswerkzeugen, den man öffnen muss, um die Nummernschildchen herauszuholen, die man einzeln an den Beweisen platziert. Dann legt man die Kärtchen zurück in den Koffer, packt die Kamera aus, und läuft die Beweise einzeln ab, um sie zu fotografieren. Das funktioniert mit etwas Routine schnell und einfach, macht aber bei uns auch nach mehreren Stunden des Anlernens noch unnötige Schwierigkeiten.

Die Beschwerden über zu steile Winkel, angeblich zu weit entfernte Objekte oder andere Beweise im Bild scheinen nicht immer korrekt zu funktionieren. Dazu lassen sich einmal hingestellte Nummernkärtchen nicht mehr korrigieren. Das alles aus der Egoperspektive zu steuern, inklusive Befehlen zum Hocken, Kauern und Lehnen, ist eine überraschende Herausforderung.

Ansonsten ist jeder Tatort ein neues, dreidimensionales Suchbild. Alles in Ruhe abzulaufen und noch einmal mit der UV-Lampe abzugehen, fühlt sich authentisch an. „Uns war wichtig, dass das LKA sich in der Darstellung der forensischen Arbeit wiederfindet und dass wir keine Abläufe zeigen, die aus fachlicher Sicht falsch oder irreführend wären“, schreibt Palic. Den Spagat zwischen halbwegs korrekt dargestellten Arbeitsabläufen und schaffbarer Unterhaltung merkt man dem Spiel an. Das Sichern und Vergleichen von Fingerabdrücken etwa ist eine Fleißarbeit mit viel Wiederholung. Trotzdem gibt es in Forensics immer viel weniger Fingerabdrücke, als man sie eigentlich in Wohnungen oder Kneipen vermuten würde. Aber wie viel Spaß würde das Bepudern, Abkleben und Abgleichen aller Fingerabdrücke machen, auch wenn die Darstellung dadurch realistischer wird?

„Forensics“ ist in seiner spröden Art durchaus faszinierend. Spannend fanden wir den Ansatz, näher an echte Ermittlungsarbeit zu rücken. Doch in vielen Punkten wirkt das Spiel noch nicht ganz fertig oder zu Ende gedacht. Ernüchternd war die trockene und nur über Textanweisungen strukturierte Einführung in die Arbeit. Mehr als einmal fehlte uns in der Mission im Wust der kaum sortierbaren Spuren eine klare Handlungsanweisung, was nun weiter zu tun ist. Häufig waren wir nicht sicher, ob fehlende Ergebnisse an Bugs liegen oder an uns selbst. Praktisch alle Minispiele bräuchten besseres Feedback.

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Doch dann ist es tatsächlich sehr befriedigend, einen Fall abzuarbeiten und spürbar zu einer Lösung beizutragen. Die Fälle sind fiktional, wirken aber sehr glaubwürdig. Handys am Tatort müssen ausgewertet werden, Fingerabdrücke kleben am Hotel-Safe, unheimliche rote Spuren werden in Kellern entdeckt, Projektile stecken in der Holzvertäfelung einer Whisky-Bar. „Durch den Austausch mit den Expertinnen und Experten des LKA“ habe man ein Verständnis für „Situationen, Spurenbilder oder Tatortkonstellationen in der Realität“ erhalten, schreibt Palic. Auch hier geht es wieder um den Spagat zwischen Realismus-Anspruch und Spiel: „Die Fälle sollen nicht überzeichnet wirken, aber sie müssen als Spiel funktionieren.“

Grundsätzlich tun sie das. Nur das Spiel selbst hat im Test nicht immer funktioniert. Wir haben eine Review-Version gespielt, an der hoffentlich noch viele Kleinigkeiten über Updates korrigiert werden können. In der aktuellen Form kann man es nur geduldigen Forensikern mit einer gewissen Fehlertoleranz empfehlen. Und sie sollten möglichst mit der Maus spielen – einige Minispiele sind per Controller deutlich schwerer zu steuern.

(dahe)

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