EU-Elektrifizierungsplan mit Vorschlag für V2G-Pflicht für neue E-Autos

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Der Verkehr verursacht rund 25 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen in der EU. Zwischen 90 und 95 Prozent der im Sektor genutzten Energie stammen aus fossilen Quellen. Die Dekarbonisierung im Sinne der Klimawirksamkeit ist ein drängendes Ziel. Dazu kommt eine fatale wirtschaftliche Abhängigkeit von fossiler Energie, wie sich anhand der Verknappung durch den Konflikt zwischen den USA und dem Iran aktuell deutlich zeigt. Der von der EU-Kommission angekündigte „Electrification Action Plan“ soll das ändern und Europa zum „ersten elektrifizierten Kontinent“ machen. Dazu schlägt er weitreichende Maßnahmen für den Verkehrssektor vor.

Die Kommission peilt einen Stromanteil von 46 Prozent am Endenergieverbrauch bis 2040 an. Erreicht die EU diesen Wert, könnten die Fossilbrennstoff-Importe laut Kommission um 260 Milliarden Euro pro Jahr sinken. Batterieelektrische Fahrzeuge senken die Betriebskosten gegenüber Verbrennern demnach um bis zu 78 Prozent. Anders als bisherige EU-Initiativen wie die Alternative Fuels Infrastructure Regulation (AFIR), die primär Mindeststandards für Ladeinfrastruktur setzt, oder das Fit-for-55-Paket, das Emissionsziele definiert, adressiert der Electrification Action Plan gezielt die Kostenstrukturen und technischen Voraussetzungen auf der Nachfrageseite.

Wie die Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) in ihrer Analyse erläutert, steht die direkte Elektrifizierung des Verkehrs im Zentrum der Strategie. Dazu greift sie tief in Fahrzeugzulassung, Gestaltung des Strommarkts und Ladeinfrastruktur ein. Kernstück des Plans für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge ist die Verpflichtung zu sogenannten Smart-and-Bidirectional-Charging-Funktionen für alle neuen E-Fahrzeuge. Die Kommission schafft dafür die Rechtsgrundlage in der EU-Typgenehmigungsregelung und will bis Ende 2027 einen konkreten V2G-Pflichtvorschlag vorlegen. Ergänzend sollen Netzkodizes geschaffen werden, die es Elektrofahrzeugen ermöglichen, auf Netzsignale zu reagieren. Mitgliedstaaten erhalten über regulatorische Sandboxes die Möglichkeit, V2G-Pilotprojekte unter vereinfachten Regeln zu erproben.

T&E begrüßt die Richtung, mahnt aber eine stärkere Hardware-Komponente an. Jedes E-Auto benötige einen bidirektionalen Onboard-Lader, um den Kauf einer deutlich teureren externen Wallbox zu vermeiden. Während ein unidirektionales Ladegerät rund 500 Euro kostet, schlägt eine bidirektionale Wallbox mit mindestens 4000 Euro zu Buche. Eine Ausnahme macht BMW mit einem Wallboxpreis von 2095 Euro und weist damit in eine Zukunft mit erschwinglicheren Möglichkeiten. Ohne integrierte Hardware im Fahrzeug sei eine Skalierung von V2G aber unrealistisch, schreibt T&E. Einen Überblick über verfügbare bidirektionale Wallboxen gibt es bereits, doch die Auswahl wächst erst seit Kurzem nennenswert.

Parallel zum Aktionsplan schlägt die Kommission eine Änderung der EU-Strommarktverordnung (Regulation EU 2019/943) vor. Der Schwerpunkt liegt auf den Netzentgelten: Netzbetreiber sollen künftig nicht nur in neue Leitungen investieren, sondern gleichberechtigt sogenannte Non-Wire-Solutions nutzen, also Batteriespeicher, Flexibilitätsdienstleistungen, Digitalisierung und V2G-Technologien. Verbraucher, die Strom zu günstigen Zeiten laden und Spitzenlast meiden, sollen tariflich belohnt werden. Die Regulierungsagentur ACER wird Best-Practice-Berichte zu Tarifmethoden sowie Smart-Grid-Indikatoren veröffentlichen.

Ein weiterer zentraler Baustein sind verbindliche Zielmarken für Smart Meter: Alle EU-Staaten müssen bis 2031 eine Abdeckung von 50 Prozent erreichen und bis 2034 mindestens 65 Prozent. Bisher konnten Mitgliedstaaten den Rollout verweigern, wenn eine Kosten-Nutzen-Analyse negativ ausfiel. Dieses Schlupfloch gilt künftig nur noch für eine Abdeckung oberhalb von 65 Prozent. Besonders ambitioniert erscheint das mit Blick auf Deutschland: Dort waren Mitte 2026 laut Bundesnetzagentur nur rund 5,5 Prozent der Haushalte mit Smart Metern ausgestattet. Von über 800 Messstellenbetreibern hatten 77 bis Ende 2025 noch keinen einzigen Smart Meter installiert. Zudem soll Strom steuerlich künftig nicht höher als Gas belastet werden, um den Preisabstand zwischen Elektrizität und fossiler Energie zu verringern.

Auch schwere Nutzfahrzeuge adressiert der Plan gezielt. Eine AFIR-Überprüfung bis Ende 2026 soll den Ausbau der HDV-Ladeinfrastruktur beschleunigen und technische Spezifikationen für Interoperabilität und Bidirektionalität aktualisieren. Ein De-Risking-Mechanismus soll privates Kapital für öffentlich zugängliche Lkw-Ladepunkte mobilisieren. Bis 2040 sollen ausreichend Netzanschlüsse für öffentliche und Depot-Ladung bereitstehen, um 40 Prozent der EU-Lkw-Flotte zu elektrifizieren. Wie der Branchenverband IRU in seiner Bewertung hervorhebt, sei die Priorisierung von Netzanschlüssen für strategische Nutzer einschließlich Transportunternehmen ein positives Signal [2]. Dass die Elektrifizierung des Güterverkehrs bereits Fahrt aufnimmt, zeigen Retrofit-Projekte und der Einstieg großer Nutzfahrzeughersteller. Allerdings trotzen vor allem leichte E-Lkw und Elektrobusse der Marktflaute – der Industrieverband Acea macht unzureichende Infrastruktur und hohe Energiepreise für den langsamen Fortschritt verantwortlich.

Bis Ende 2027 will die Kommission zudem die Clean-Vehicles-Directive überprüfen und die Beschaffungsvorgaben für Null-Emissions-Busse und kommunale Flotten verschärfen. Für die Schifffahrt setzt der Plan auf Landstromversorgung in Häfen und formuliert als Zielmarke, dass bis 2040 genug Infrastruktur für den batterieelektrischen Betrieb eines Drittels der europäischen Fähren bereitstehen soll. Für die Luftfahrt sieht der Plan ein Pilotprogramm für reale Tests elektrischen Fliegens vor, nach Vorbild der norwegischen „Test Arena“.

Der Ausbau der Ladeinfrastruktur in Deutschland schreitet zwar voran, zum 1. Juli 2026 verzeichnet die Bundesnetzagentur 209.605 öffentlich zugängliche Ladepunkte mit einer Gesamtleistung von 9,04 Gigawatt, der Schnellladeanteil stieg auf rund 26 Prozent. Bis zum Ziel von einer Million Ladepunkten bis 2030 bleibt bisher allerdings eine erhebliche Lücke.

Links in diesem Artikel: [1] Transport & Environment – Analyse zum Electrification Action Plan [2] IRU – Bewertung des EU-Elektrifizierungsplans

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(fpi)

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