Vielleicht war es kein besonders gutes Omen, dass sich dieses zweite Halbfinale gleich zweimal mit der Arbeitswelt beschäftigte. Der ESC ist in seinem tiefsten Wesen ja vor allem eine Fluchtmaschine: Für ein paar Stunden möchte man nicht an Passivaggressionen in Teams-Chats oder die kleine tägliche Niederlage namens »kurzer Austausch« denken.
Doch dann stand da erst Simón aus Armenien in einem Büroaufzug, mit Post-its beklebt wie ein Mensch, den seine To-do-Liste endgültig in Besitz genommen hat, und sang Zeilen, die vermutlich in ganz Europa kurz die Schultern absinken ließen: »This meeting could have been an E-Mail« und »Free coffee won’t keep me here«.
Später verwandelte dann noch Look Mum no Computer, der wie immer bereits fürs Finale qualifizierte Beitrag aus Großbritannien, dieselbe thematische Malaise in eine Bastelbüro-Panikattacke mit deutschem Zählkern. Soziologische Studien können später einmal untersuchen, ob diese zwei arbeitsweltlichen Beiträge womöglich mit der vielerorts vollzogenen Rückkehr zur Präsenzpflicht korrelieren. Die aus ihnen abgeleitete vorläufige Diagnose für den diesjährigen ESC lautet derweil: Womöglich ist der Eskapismuswille nicht so groß, dass er den Alltag mit seinem trüben Arbeitsgrind draußen halten kann.

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