Die Hoffnung hat Carsten Schneider im Rücken. Vier große Fotos sind da gleich hinter seinem Mikro aufgestellt, alle sollen Fortschritte im Klimaschutz zeigen: Elektroautos, Windräder, ein Wald, sogar eine Wärmepumpe. Auf allen scheint die Sonne. „Hoffnungsträger“ nennt sie der Umweltminister von der SPD, und auf Hoffnung muss er bauen. Die Realität nämlich ist eher grau.
Am Samstag, einen Tag vor der gesetzlichen Frist, hat Schneider die Klimabilanz für 2025 vorgelegt. Sie ist der jährliche Gradmesser, ob und wie schnell das Land vorankommt. Und 2025 kam es so gut wie gar nicht voran. Nur um 0,9 Millionen Tonnen, so zeigt das Zahlenwerk aus dem Umweltbundesamt, gingen die Gesamtemissionen zurück. Das ist der geringste Rückgang seit vier Jahren und, schlimmer noch: Er geht fast allein auf die schwache Konjunktur zurück. In der Industrie allein gingen die Emissionen um 5,6 Millionen Tonnen zurück, und das wiederum vor allem wegen der Produktionsrückgänge in energieintensiven Industrien. Allein die Primärstahlproduktion schrumpfte um zehn Prozent. „Das ist nicht der Klimaschutz, den ich möchte“, räumt auch Schneider ein.
Stagnation im Energiesektor
In der Vergangenheit war oft die Stromerzeugung eine sichere Bank beim Klimaschutz. Wenn Kohlekraftwerke vom Netz gingen oder durch erneuerbare Energien verdrängt wurden, sorgte das gleich für eingesparte Emissionen in Millionenhöhe. Doch 2025 schrumpfte der Energiesektor nur noch um 0,6 Millionen Tonnen, ein Minus von 0,3 Prozent - quasi Stagnation. Grund sei eine leichte Flaute beim Windstrom und der schleppende Ausbau der Windkraft zur See. „Die Fortschritte sind insgesamt zu klein“, klagt Schneider.

In manchen Bereichen gibt es sogar Rückschritte. Trotz des Hoffnungsträgers E-Auto etwa legten die Emissionen im Verkehr um 2,1 Millionen Tonnen zu - auf den Straßen war wieder mehr los. Und auch die zunehmende Zahl an Wärmepumpen spiegelt sich noch nicht in der Bilanz, sie wird überdeckt durch eine kühlere Witterung. Zum ersten Mal seit fünf Jahren legen die Emissionen im Gebäudebereich wieder zu, um 3,4 Millionen Tonnen. Ein Trend der Hoffnung sieht anders aus.
Selbst rund um den Wald sind die Hoffnungen nicht ungetrübt. Trockene Jahre und Schädlinge hatten dem deutschen Wald in den vergangenen Jahren zugesetzt. In der Folge setzte er mehr Treibhausgase frei, als er binden konnte. Mittlerweile hat sich die Entwicklung wieder umgekehrt, 19,3 Millionen Tonnen Kohlendioxid ließen sich dort binden. „Eine positive Überraschung“, sagt Dirk Messner, der Chef des Umweltbundesamts (UBA). Das zeige auch, wie wichtig der Schutz der Ökosysteme für das Klima sei. Allerdings sind Wälder nicht die einzige Form der Landnutzung, es gibt schließlich auch noch die Landwirtschaft. Unter dem Strich, so betont das bundeseigene Thünen-Institut, bleibe die Landnutzung „eine bedeutende Quelle für Treibhausgase“. Daran werde sich auch bis 2030 nichts ändern. Der Klimakiller wird also nicht gebunden, sondern freigesetzt - anders, als das Gesetz es verlangt.
Schneider träumt von der Realisierung der Klimaziele - doch das wird schwer
Für Schneider ist das noch das kleinste Problem. Er muss bis zum 25. März, genau ein Jahr nach Beginn der Legislaturperiode, ein „Klimaschutzprogramm“ vorlegen. Das wiederum soll aufzeigen, wie die Bundesregierung das gesetzliche Ziel erreichen will, bis 2030 die Emissionen um 65 Prozent unter den Wert von 1990 zu drücken. Erreicht sind mit den aktuellen Zahlen für 2025 aber erst 48 Prozent. „Das ist noch ein ordentlicher Schritt“, sagt Schneider. Doch hoffnungsfroh, wie er ist, sieht der Sozialdemokrat das Ziel in Reichweite. Eine Projektion, die das Umweltbundesamt hat berechnen lassen, kommt bis 2030 auf eine Minderung von 62,6 Prozent. Da wirken 65 Prozent gar nicht mehr so weit weg.
Allerdings legt diese Projektion die Gesetzeslage aus dem vorigen November zugrunde. Sie geht also noch davon aus, dass das bisherige Heizungsgesetz schrittweise herkömmliche Gas- und Ölkessel aus den Heizkellern verbannen würde, und dass neue Heizungen verpflichtend mit 65 Prozent erneuerbarer Energie beschickt werden würden. Das aber ist Geschichte, seit sich die Koalitionsfraktionen darauf geeinigt haben, das Gesetz um derlei Klimaauflagen zu erleichtern. Auch hatten sich die EU-Staaten im November noch nicht darauf geeinigt, die Einführung eines europaweiten CO₂-Preises für Heiz- und Kraftstoffe noch einmal um ein Jahr zu verschieben. Dass derlei Änderungen die Lücke vergrößern, „kann sein“, räumt auch UBA-Chef Messner ein.
Schneider arbeitet seit Monaten fieberhaft an seinem Klimaschutzprogramm, pünktlich Ende März soll es das Kabinett passieren. 25 Millionen Tonnen Kohlendioxid muss er dafür zusätzlich einsparen, das ist der geprüfte und bestätigte Wert von 2024. Zwar ist diese Lücke in der neuen Bilanz noch einmal um fünf Millionen Tonnen gewachsen, aber diese Zahlen muss jetzt erst einmal der „Expertenrat für Klimafragen“ prüfen, wie es das Gesetz verlangt. 25 Millionen Tonnen? „Das werden wir schaffen“, sagt Schneider. Vielleicht werde das Ziel sogar übererfüllt. So jedenfalls hofft er.











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