Duchamp-Auktion in New York: Er machte alles zu einer Frage des Konzepts

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Wer schon immer gern eine der begehrten „Schachteln“ von Marcel Duchamp haben wollte, kann am 23. April in einer New Yorker Auktion fündig werden. Dort ist eine originale „Boîte-en-valise“ mit dem Titel „De ou par Marcel Duchamp ou Rrose Sélavy“ – Letzterer ist der Name seiner berühmten Kunstfigur als weibliches Alter Ego – in einer (späteren) Version von 1966 zu ersteigern. Das Toplos Nummer 433 enthält das komplette Set von achtzig Ready-made-Miniaturrepliken, Fotografien und Reproduktionen seiner Werke; der Schätzpreis liegt bei 350.000 bis 450.000 Dollar. Duchamps bahnbrechende kubo-futuristische Komposition „Nude Descending a Staircase, No. 2“ von 1912 gibt es auch als rund dreißig mal zwanzig Zentimeter kleine, kolorierte Druckgrafik, am unteren Rand signiert und datiert „Dec 37 M Duchamp“ in blauer Tinte (Taxe 60.000 bis 90.000 Dollar).

Kunst, die auch Geld einbringen sollte

Auch wenn es lange Zeit hieß, Duchamp habe seine Aktivität als Künstler 1923 eingestellt zugunsten des Schachspielens, so hat er doch die Idee künstlerischer Produktion nie ganz aufgegeben. Er vergnügte sich mit Replikaten und Wiederholungen früherer Arbeiten, allen voran seiner Ready-mades. Dass er dies auch aus kommerziellen Erwägungen tat, sei hier jedenfalls angemerkt. Denn wer weiß schon, welches Urinal der erste „Fountain“, bezeichnet „R. Mutt 1917“, war, der als das vielleicht einflussreichste Kunstwerk des 20. Jahrhunderts gilt – bis heute?

 Duchamp in späteren JahrenMit Zigarre im Sessel: Duchamp in späteren JahrenWolfgang Haut

Das Auktionshaus Phillips veranstaltet nun eine charmante Versteigerung unter dem Titel „Duchamp & Company“, kuratiert von Francis M. Naumann. Der amerikanische Kunsthändler und ausgewiesene Spezialist für die Dada-Bewegung und den Surrealismus hat dafür 110 Lose zusammengetragen. Von Duchamp selbst stammen 48 Arbeiten; 62 sind Beispiele von Künstlerinnen und Künstlern, die er mit seinem Werk, teils in direkter Hommage, inspiriert hat. Zu diesen zählen Man Ray, dann Robert Rauschenberg, Richard Pettibone oder John Baldessari und Joseph Kosuth, auch Sherrie Levine.

Kritik und Huldigung zugleich

Die feministische Protagonistin der Appropriation Art ließ übrigens ihr „Fountain (after Marcel Duchamp)“ 1991 in gold-polierter Bronze herstellen, als Kunst- und Luxusobjekt, Hommage und Kritik an Duchamp zugleich. Klugeren Witz als Maurizio Cattelan mit seinem Gold-WC zeigte 2002 John Balessari mit dem Multiple „Repository (Green/Red)“, einer grün glasierten Bettpfanne, auf deren Rand mit roten Großbuchstaben geschrieben steht: „The artist is a fountain“ (3000/5000). Und Sherrie Levine blieb 2009 hart mit „After Courbet: 1–18“, einer Serie von Postkarten mit Gustave Courbets Gemälde „L’origine du monde“, das als Quelle für Duchamps Installation „Étant donnés“ (1946 – 1966) gilt, in der eine weibliche Figur ähnlich betrachtet werden kann, wenn jemand durch zwei kleine Löcher in einer Holztür schaut (15.000/25.000).

 eine signierte Reproduktion von Duchamps Gemälde „Nude Descending a Staircase, No. 2“Taxiert auf 60.000 bis 90.000 Dollar bei  Phillips: eine signierte Reproduktion von Duchamps Gemälde „Nude Descending a Staircase, No. 2“Phillips / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Es gibt in der Auktion eine ganze Menge, nennen wir es Duchamp-Memorabilia, darunter jenes „L.H.O.O.Q.“, wenn er der Mona Lisa des Leonardo da Vinci einen Schnurr- und Spitzbart andreht. Dabei ist auch, noch eine Pointe, „L.H.O.O.Q. rasée (shaved)“, ein kleines signiertes fotografisches Ready-made von 1965 in circa Hunderterauflage, jedoch ohne Bart, über ebendem bekannten Kürzel (30.000/ 50.000). Wem unsigniert auch Mustache and Kinnbart, ganz ohne Mona Lisa, reichen, kann das aus einer unsignierten Grafik-Edition von 200 aus dem Jahr 1941 auch bekommen (3000/4000).

Die freundlichen Schätzpreise beginnen bei etwa 1500 Dollar. Zweitteuerstes Los, nach Duchamp selbst, ist eine Installation des Konzeptkünstlers Joseph Kosuth von 2017, „Small Explanations (That Refer and Construct)“ (60.000/80.000), der 1969 in seinem Essay „Art after Philosophy“ geschrieben hat: „All art (after Duchamp) is conceptual (in nature) because art only exists conceptually.“ Nachzulesen ist das in der Online-Vorschau von Phillips, überhaupt eine anregende Lektüre.

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