Greta Thunberg entfachte als Teenagerin die Klimaproteste – ihre Anstifter blieben im Hintergrund. Dann sattelte sie um auf die nächste Bewegung, die sich gegen den Westen wendet. Ihr Abstieg liefert heikle Einblicke.
Den Höhepunkt ihrer globalen Symbolmacht erlebte Greta Thunberg als 16-Jährige im September 2019 beim UN-Klimagipfel in New York. Mit zitternder Wut sprach Thunberg, per Segelboot über den Atlantik gereist, vor Staats- und Regierungsvertretern: „Ihr habt mir meine Träume und meine Kindheit mit euren leeren Worten gestohlen.“ Dann folgte der Satz, der zur Chiffre ihrer Rolle wurde: „Wie könnt ihr es wagen?“
Im Januar 2019 hatte sie beim Weltwirtschaftsforum in Davos vor Politikern, Konzernchefs und Finanzeliten gefordert: „Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre. Und dann will ich, dass ihr handelt.“ Die Szene verdichtete den Geist der Klimabewegung, die sie in den Monaten zuvor begründet hatte: keine technische Debatte über Zielpfade, CO₂-Preise oder Stromnetze, sondern ein moralischer Notruf. „Unser Haus brennt“, rief Thunberg.
Die Tochter einer wohlhabenden schwedischen Künstlerfamilie trat nicht als Expertin auf, sondern als Anklägerin. Thunberg wandelte die komplexe Klima- und Energiepolitik in ein Schuldtribunal.
Attraktiv für den Statuskampf
Sie und ihr ebenfalls aus der reichen Oberschicht stammendes deutsches Pendant Luisa Neubauer gaben offen zu, dass die Klimabewegung auch andere Ziele verfolgt als den Kampf gegen die Erwärmung: „Die Klimakrise betrifft nicht nur die Umwelt. Sie ist eine Krise der Menschenrechte, der Gerechtigkeit und des politischen Willens. Koloniale, rassistische und patriarchale Unterdrückungssysteme haben sie hervorgebracht und angeheizt. Wir müssen sie alle abschaffen“, schrieben sie. Klimaaktivisten verstehen ihren Aktivismus als Kampf gegen „das ganze kapitalistische System“.
Das machte die Bewegung attraktiv für den Statuskampf: Adelige, Erben, Intellektuelle, Beamte, Journalisten, Lehrer und Künstler spannen Umweltbewegungen seit jeher ein: Wirtschaftsskepsis ermöglicht es ihnen, dem Anschein nach nicht mit ökonomisch Erfolgreichen konkurrieren zu müssen und der gesellschaftlichen Konkurrenz Sand ins Getriebe zu streuen.
Der Klima-Moralismus lieferte ihnen eine ideale Projektionsfläche. 2018 gab es in Berlin pro Tag durchschnittlich zwölf Demonstrationen, in die Medien schafften es aber meist nur die Klimaproteste, die bei Journalisten auf besondere Sympathie stießen. Deren Berichte wiederum motivierten Gesinnungsgenossen.
Vorbei. Während 2019 am bundesweiten Klimastreik noch fast anderthalb Millionen Menschen teilnahmen, waren es dieses Jahr nur noch 80.000. Neubauer klagte bereits Ende 2023, dass Klimaproteste außerhalb deutschsprachiger Länder kaum noch mobilisieren würden.
Greta Thunberg sattelte schon damals um auf die nächste Bewegung, die sich ebenfalls gegen den Westen wendet und teils das gleiche Milieu begeistert. Nach dem Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 schlug sie sich auf die Seite der Angreifer. Sie posierte mit Schildern wie „Free Palestine“ oder „Stand with Gaza“ und bezeichnete Israels Gegenattacken in Gaza kontrafaktisch als „Genozid“ und „systematische Aushungerung“.
Bei einer „pro-palästinensischen Kundgebung“ in Mannheim rief sie unter Gelächter der Menge: „Fuck Germany and fuck Israel.“ 2025 heuerte sie auf Protest-Booten an, die nach Gaza schipperten. In Deutschland führte ihre Haltung zunächst zu einem Konflikt. Luisa Neubauer und andere distanzierten sich von antisemitischen „Fridays-for-Future“-Parolen. Aber schon bald unterstützten auch sie Gaza-Aktivisten.
Thunbergs Karriere war nie so arglos, wie Medien sie gerne inszenierten. Als sich die 15-Jährige am 20. August 2018 vor den schwedischen Reichstag setzte, mit ihrem selbstgebastelten Schild „Skolstrejk för klimatet“, also „Schulstreik für das Klima“, erwies sich die Aktion als nützliche Werbung für das bald darauf erscheinende Buch ihrer Eltern.
In „Szenen aus dem Herzen“ erzählen ihre Mutter und ihr Vater die Geschichte ihrer wohlhabenden Familie und einer „Krise, die uns alle umgibt“. In ihrem Buch gehe es „um ausgebrannte Menschen auf einem ausgebrannten Planeten, auf dem Wetter, Wind und Alltag täglich an Stärke zunehmen“, und darum, „als Menschen zusammenzuhalten und Nachhaltigkeit zu finden“.
Greta war auch nicht auf sich allein gestellt, als sie mit ihrem Schild vor dem schwedischen Reichstag saß. Ingmar Rentzhog besuchte sie und schoss jene ikonischen Fotos des streikenden Mädchens, die um die Welt gehen sollten. Der Fondsmanager und Bekannte von Gretas Mutter, der sich selbst als „Ökokrieger“ bezeichnet, hatte die Klima-PR-Firma „We don’t have Time“ gegründet.
Text und Video des PR-Profis gingen viral, das Medieninteresse am streikenden Schulmädchen erreichte binnen einer Woche das Ausland. Gretas Mutter nutzte die Aufmerksamkeit für Interviews über „Szenen aus dem Herzen“. Rentzhogs Firma warb noch einige Monate mit dem Kind, bis sich die mittlerweile weltberühmte Aktivistin im Januar 2019 schließlich selbstständig machte.
Sie traf den Zeitgeist. Doch genützt hat es wenig, die meisten Länder haben ihren CO₂-Ausstoß seither erhöht; die globalen Emissionen steigen weiter.
WELT-Chefreporter Axel Bojanowski berichtet seit 1997 als Wissenschaftsjournalist hauptsächlich über Klimaforschung und Klimapolitik. In seinem Buch „Was Sie schon immer übers Klima wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“ (Westend-Verlag) erzählt er in 53 Geschichten vom Klimawandel zwischen Lobbygruppen und Wissenschaft.

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