Diane Keatons Nachlass: Die Collage ihres Lebens

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Natürlich sind die meisten Sachen in Schwarz-Weiß gehalten, den Lieblings-Nichtfarben, mit denen Diane Keaton sich vorzugsweise in Herrenanzügen, Bowlerhüten und breit gegürteten Kleidern stylte: eine Frau als textil überzeichnete Silhouette. Der Wechsel von Schwarz zu Weiß und zurück dominierte aber auch ihre Wohnräume und die vielen Kleinigkeiten, mit denen sie sich umgab – wie rund 550 Objekte aus ihrem Besitz beweisen, die nun zur Auktion kommen. Gut ein halbes Jahr nach dem Tod der Hollywood-Schauspielerin, die als Annie Hall in Woody Allens Film „Der Stadtneurotiker“ 1977 berühmt wurde, veranstaltet Bonhams vier Nachlassversteigerungen mit Diane-Keaton-Memorabilia, live am 8. Juni in New York, online bis zum 11. Juni von New York und Los Angeles aus.

 Leinenkleid mit Schal, Taxe 200 bis 300 DollarKein Designerstück, aber von Diane Keaton 2019 auf einer Premiere getragen: Leinenkleid mit Schal, Taxe 200 bis 300 DollarBonhams

Auktionen dieser Art können leicht so deprimierend wirken wie ein Blick in Umzugskisten, die Hinterbliebene nach einem Todesfall bei der Wohnungsräumung füllen und zum Wohlfahrtsverkauf schaffen. Die schrägen Halsketten, die seltsame Vase, die Kunstbücher und alten Fotos: Was für  Verstorbene bedeutsam gewesen sein mag, mit Erlebnissen, Erinnerungen und Emotionen verbunden, ist für die Lebenden oftmals nur noch Kram. Der Nachlass von Prominenten unterscheidet sich davon nur in der Hinsicht, dass selbst wildfremde Leute sich als Fans persönlich mit Gegenständen der Toten verbunden fühlen können – oder die Dinge vielleicht per se einen künstlerischen kulturellen oder historischen Wert besitzen. Entsprechend schießen die Preise in den bereits laufenden Online-Versteigerungen mit Diane Keatons Besitztümern schon jetzt in die Höhe.

Auf die Auswahl kommt es an

Diane Keaton war keine Sammlerin, die in Galerien und Auktionssälen extrem teuren Kunst- oder Designtrophäen als Anlageobjekten hinterherjagte. Sie kaufte, um zu gestalten: Häuser etwa, die sie aufwendig renovierte und wieder verkaufte, alte Monterey-Möbel aus Kalifornien oder Keramik. Vor allem aber – und das macht diese Auktionsserie auch für Zuschauer interessant – war sie eine Person, die sich die Dinge zu eigen machte, ganz gleich, ob mehr oder weniger teure, banale oder einmalige. Sie wählte aus, arrangierte und stellte aus, was ihr entsprach und nur sie so kombinieren konnte. Auf diese Weise bestückte sie nicht nur die Bühne ihres privaten Lebens, sondern schuf viele kleine oder größere indirekte Selbstporträts.

 Diane Keatons mehr als drei Meter breites Bilderarrangement soll 8000 bis 12.000 Dollar erlösen.„The Wall“: Diane Keatons mehr als drei Meter breites Bilderarrangement soll 8000 bis 12.000 Dollar erlösen.Bonhams

Das Prinzip ihres schöpferischen Selbstausdrucks war die Collage. Kein Auktionslos zeigt das so eindrucksvoll wie „The Wall“, eine gut drei Meter breite Zusammenstellung von angepinnten Fotos, Zeitungsschnipseln und Fundstücken, die zu einem noch größeren, von Diane Keaton immer wieder ergänzten und umgebauten Ensemble gehörte und jetzt 8000 bis 12.000 Dollar erlösen soll. Da hängt die Aufnahme eines zertrümmerten Autos neben dem dreidimensionalen Modell eines Auges, Familienfotos prangen neben Bildern von Marilyn Monroe oder Salvador Dalí oder solchen, die Diane Keaton von sich selbst in einem Passbildautomaten schoss, und das aufgespießte Set-Foto von „Der Pate“ darunter hat Al Pacino signiert, einer von Diane Keatons Lebenspartnern.

Inspiriert von der eigenen Mutter

Inspiriert zu solchen Collagen wurde Diane Keaton nicht etwa von Pablo Picasso oder Georges Braque, sondern durch ihre eigene Mutter, von der sie auch das Tagebuchschreiben übernahm – beides kreative Methoden, seine Erinnerungen zu sortieren, der Unförmigkeit des eigenen Lebens Gestalt zu geben und vielleicht sogar einen Sinn abzuringen. Wer zeigt, wie er die Welt sieht, schafft damit immer auch eine Ansicht des eigenen Selbst. Das hat Diane Keaton, die ihren Filmrollen oft mehr von sich selbst lieh als die eigene Garderobe, außerdem als Autorin mehrerer Autobiographien getan und als Herausgeberin eines Fotobands über von ihr gerettete Fundstücke.

 Diane Keaton in ihrem New Yorker Apartment, Taxe 200 bis 300 DollarWohl 1977 von Bill Pierce fotografiert: Diane Keaton in ihrem New Yorker Apartment, Taxe 200 bis 300 DollarBonhams

Trouvaillen oder einfach nur Gerümpel wurden unter ihren Händen fast zu Installationskunst. In Diane Keatons „kuratiert“ gefüllten Lagerregalen sammeln sich Literatur, Geschirr und vielerlei anderer Kram. Eines dieser Kuriositätenkabinette ist bei Bonhams für geschätzte 5000 bis 7000 Dollar zu haben. Wer es weniger sperrig mag, kann sich Stapel von Coffee Table Books oder Mobiliar mit Keaton-Charme in die eigene Wohnung holen. Mehr als 200 Lose sind allein der Mode gewidmet, all den Kleidern, Hüten und Schnürstiefeln, die in der Mehrzahl deutliche Tragespuren zieren. Die teuersten Stücke von Ralph Lauren, Thom Browne oder Comme de Garçons sind mit Taxen von bis zu 2000 Dollar versehen.

 Lagerregal mit allerlei Inhalt, Höhe knapp zwei Meter, Taxe 5000 bis 7000 EuroKuriositätenkabinett: Lagerregal mit allerlei Inhalt, Höhe knapp zwei Meter, Taxe 5000 bis 7000 EuroBonhams

Cineasten dürften sich für ein unbetiteltes Original-Drehbuch von „Der Stadtneurotiker“ interessieren, taxiert auf 2000 bis 4000 Dollar. Eines der charmantesten Erinnerungsstücke aus dem Filmbusiness ist ein handschriftlicher Brief von Michael Douglas (Taxe 200 bis 300 Dollar) mit einem beigefügten Modeschmuckring, den er Diane Keaton 2014 nach den Dreharbeiten zu Rob Reiners Komödie „Das grenzt an Liebe“ schrieb ‒ und in dem er der überzeugten Single-Frau und alleinerziehenden Mutter zweier adoptierter Kinder im Scherz einen Heiratsantrag machte.

 Original-Drehbuch zu „Annie Hall“ (Der Stadtneurotiker)Schätzpreis 2000 bis 4000 Dollar: Original-Drehbuch zu „Annie Hall“ (Der Stadtneurotiker)Bonhams

Die wenigen Kunstwerke der Auktionsserie verraten eine Leidenschaft für Fotografie und den amerikanischen Westen mit seiner Schönheit und seinen Härten. In einer Galerie in Tucson hat Diane Keaton die lyrische Ansicht eines weiten Tals gekauft, das der amerikanische Künstler Ed Mell 1992 in Öl malte (10.000/15.000 Dollar). Von David Wojnarowicz besaß die Oscar-Preisträgerin einen Abzug seines Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Jahr 1989, das über einen Abgrund in den Tod stürzende Büffel zeigt. Das Bild hält einen Ausschnitt aus einem Diorama im National Museum of American History in Washington fest, in dem traditionelle Jagdmethoden indigener Amerikaner gezeigt werden. Isoliert als Standbild verwandelt sich die Szene in ein albtraumhaftes Symbol für Amerika während der AIDS-Epidemie, der Wojnarowicz 1992 selbst zum Opfer fiel. Sein Büffel-Bild hing in Diane Keatons Schlafzimmer im kalifornischen Sullivan Canyon (25.000/35.000).

 David Wojnarowicz, „Buffaloes“, 1989, Taxe 25.000 bis 35.000 DollarSymbolbild des leidenden Amerika: David Wojnarowicz, „Buffaloes“, 1989, Taxe 25.000 bis 35.000 DollarBonhams

Scheinbar ist man also bei Diane Keaton zu Hause mit dieser Versteigerungsserie. „At Home with Diane“ heißt eine der Einzelauktionen. Aber das ist selbstverständlich eine Illusion: Die Kinder und die Schwester der Schauspielerin haben darauf geachtet, dass jedes Los der öffentlichen Persona Diane Keatons entspricht, und Privates klug für sich behalten. So ist denn der Titel der Saalauktion mit den 50 schönsten Stücken der treffende: „Architecture of an Icon“.

 Diane Keaton und Schuhe im Passbildautomaten, Siebzigerjahre, Taxe 170 bis 260 DollarTrau, schau, wem: Diane Keaton und Schuhe im Passbildautomaten, Siebzigerjahre, Taxe 170 bis 260 DollarBonhams
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