Warum passiert das gerade jetzt?
Es ist naheliegend, dass die aktuelle Kampagne mit den bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt (6. September), Berlin und Mecklenburg-Vorpommern (beide am 20. September) sowie den Kommunalwahlen in Niedersachsen (13. September) zusammenhängt. Anfang August hatte das Auswärtige Amt die unter dem Namen „Matrjoschka“ bekannte Desinformationskampagne als „ernst zu nehmend“ bezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt wurden vor allem kurze Videos in sozialen Medien veröffentlicht, oft auf Englisch und mit den Logos seriöser deutscher Medien versehen. Darin wurden Kandidaten der bevorstehenden Wahlen mit Vorwürfen der unterschiedlichsten Art überzogen, sie wurden in einen Zusammenhang mit Glücksspiel, sexuellem MissbrauchDrogensucht oder schweren Kapitalverbrechen gerückt. Videos, Logos der Medien und Inhalt: alles Fälschungen und mutmaßlich mit KI erstellt.
Was ist der Zweck solcher Fake News?
Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) beschrieb das in einer Mitteilung am 12. August so: Die Kampagne „Matrojschka“ habe eine Polarisierung zwischen Ost- und Westdeutschland zum Ziel, wolle Stimmung gegen die Bundesregierung machen und Landes- und Kommunalpolitiker diskreditieren. Die Beiträge mit den Bildmarken bekannter Medien sollten emotionalisieren, etwa wenn unter dem Markennamen eines großen Mediums „berichtet“ würde, der Westen hasse den Osten – und Deutschland sei nahe an einem Bürgerkrieg. Indem Lokal- und Kommunalpolitiker aus „Parteien, deren Positionen nicht im Sinne der strategischen Interessen der Russischen Föderation sind“, so der Verfassungsschutz, gezielt als „unqualifiziert, unfähig und korrupt“ dargestellt würden. Das Bundesamt stellt damit einen Zusammenhang zwischen russischen Interessen an solcher Art von Desinformation und den bevorstehenden Wahlen in Deutschland her. Was auffällt: Politikerinnen und Politiker von AfD und BSW sind nicht unter den auf diese Weise diffamierten Personen.
Wie gehen Medien damit um?
Betroffene Medien, deren Marke für solche Kampagnen missbraucht werden, machen immer häufiger transparent, Opfer von Illusionisten der Desinformation geworden zu sein. So hat beispielsweise die Deutsche Welle ein Video, das unter ihrem Namen die falsche Information über einen bevorstehenden Rücktritt von Bundeskanzler Friedrich Merz transportierte, selbst analysiert, den Hintergrund der Kampagne erklärt und Details aufgezeigt, an denen Zuschauer erkennen können, dass das Video eine Fälschung ist. Auch der MDR berichtete ausführlich über die „Matrjoschka“-Kampagne, in der das Senderlogo ebenfalls illegal benutzt worden war, um Falschinformationen zu verbreiten. Die SZ wiederum hatte gerade über das Phänomen berichtet, als sie selbst zum Vehikel solcher Fake News gemacht wurde.
In welcher Art ist die Süddeutsche Zeitung betroffen?
In dieser Woche kursierte ein Link zu einer gefälschten Internetseite, die dem Online-Auftritt der Süddeutschen Zeitung nachempfunden ist. Schrifttyp, Bildsprache, Logos, sogar der Name der vermeintlichen Autorin der auf diese Weise verbreiteten „Enthüllung“: Alles scheint echt zu sein. Geübte Leserinnen und Leser erkennen zwar sofort, dass die Texte in Sprache, Grammatik und Aufbau– geschweige denn vom Inhalt her – nicht vergleichbar mit von Menschen verfassten Reportagen in der echten SZ sind. Auch hier ist künstliche Intelligenz als Urheber zu vermuten.
Aber User, die zwar die Bedeutung der SZ als überregionales Medium kennen, sie aber in der Regel nicht lesen, können auf so etwas hereinfallen, zumal auch die eingesetzten Domains der echten SZ-Domain verwechselbar ähnlich sind und man bei Anklicken einzelner Reiter innerhalb der Fakeseite auf die echte SZ-Seite geleitet wird.
Laut Auswärtigem Amt haben solche Fake-Seiten, die großen Nachrichtenmedien nachempfunden sind, allerdings keine große Verbreitung. Sie werden eher von Hand zu Hand weitergegeben, in entsprechenden Foren, Telegram-Kanälen oder auf sehr zweifelhaften Konten der Plattform X – auf der die SZ seit geraumer Zeit selbst gar nicht mehr vertreten ist.
Was wird im Namen der SZ behauptet?
Im Mittelpunkt der Kampagne steht der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Sven Schulze (CDU). Text und Video simulieren eine angebliche Enthüllungsgeschichte, die strafbares Verhalten des Politikers belegen soll. Weil nichts davon der Wahrheit entspricht und es sich um reine Diffamierung handelt, soll der Inhalt der Lügenkampagne hier nicht weiterverbreitet werden. Gegenüber der in Magdeburg erscheinenden Volksstimme hat sich Schulze so geäußert: „Das sind bewusst gesteuerte Fake News, die nicht nur mich, sondern auch andere Politiker betreffen – mit dem Ziel, die Wahl im Land zu beeinflussen.“ Schon einmal seien Falschmeldungen über seine Frau verbreitet worden, ergänzte Schulze.
Wie erkennt man gefälschte Nachrichtenseiten?
Wichtig ist, sich die URL einer Website genau anzuschauen. Darunter versteht man die genaue Webadresse einer Internetseite, die in der URL-Leiste auftaucht. Die Artikel der Süddeutschen Zeitung erscheinen ausschließlich unter „sueddeutsche.de“. Der gefälschte Artikel über Schulze hingegen erschien auf einer Domain, die sich in nur in einigen wenigen Buchstaben davon unterscheidet. Auch wenn die Website der echten SZ-Nachrichtenseite täuschend ähnlich sieht, ist die Fälschung über die URL leicht zu entlarven.
Wer über soziale Netzwerke auf einen vermeintlichen Artikel stößt, sollte zudem immer nach der Originalquelle suchen, also etwa auf der Website oder in der App eines Nachrichtenmediums nachsehen, ob der Artikel auch dort zu finden ist. Eine Google-Suche nach dem Inhalt des Artikels zeigt, ob auch andere Medien über einen vermeintlichen Skandal berichtet haben. Findet man die Nachricht nirgends sonst, ist das ein Warnsignal.
Im Zweifelsfall können Leserinnen und Leser bei dem jeweiligen Medium nachfragen und sollten den Text lieber nicht weiterverbreiten.
Was unternimmt die SZ gegen solche Fälschungen?
Wir haben verschiedene Schritte eingeleitet: Zum einen hat die SZ Strafantrag gegen unbekannt gestellt, wegen Markenverletzung, Verleumdung, übler Nachrede und aller sonstiger in Betracht kommender Delikte. Zum anderen haben wir uns an die Plattform X gewandt und den Post gemeldet, in dem der Link zu der Fake-Seite verbreitet wurde. Der Antrag auf Löschung wurde abgelehnt, dagegen haben wir Einspruch erhoben.
Bei den Suchmaschinen Microsoft und Google haben wir die Seite zudem als Fake gemeldet. Das bedeutet nicht, dass die Seite deindexiert – also vereinfacht gesagt: aus den Verzeichnissen der Suchmaschinen gelöscht – wird, aber eventuell wird sie mit einem Hinweis versehen.
Außerdem haben wir eine Meldung an den Domain-Registrar gemacht, jenes Unternehmen also, das die Adresse der Internetseite vermietet hat. Mittlerweile wurde die Domain blockiert – ob das auf unser Schreiben hin passiert ist oder beispielsweise wegen der zunehmenden Berichterstattung über den Vorgang, ist unklar. Klar ist aber: Die Seite mit den Fake News im Namen der SZ ist nicht mehr online.














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