„Der Nachbar ist gefährlich, weil er in die eigene Privatsphäre eindringen kann“

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Deutschland ist ein Land der Mieter. Wer zur Miete wohnt, lebt Tür an Tür mit Nachbarn. Das kann bereichern – oder belasten. Woran Konflikte oft entstehen und wie gutes Zusammenleben gelingt.

Die Beziehung zum Nachbarn ist etwas Einzigartiges. Man lebt Tür an Tür, grüßt sich täglich. Hört den anderen vielleicht manchmal durch die Wand, etwa wenn etwas zu Bruch geht, Musik gespielt oder lautstark gestritten wird. Aber gleichzeitig kennt man sich nicht wirklich. Vertraut und fremd zugleich – das ist eine Ambivalenz, die seit jeher fasziniert, nicht nur zum Tag der Nachbarschaft am 29. Mai.

„Der Nachbar ist gefährlich, weil er in die eigene Privatsphäre eindringen kann und weil er immer da ist“, sagt der Soziologe Walter Siebel, emeritierter Hochschullehrer in Oldenburg. „Nachbarschaft ist unentrinnbar.“ Wer ein Problem mit Freunden oder Verwandten hat, ruft einfach nicht mehr an und fährt nicht mehr hin – aber dem Nachbarn kann man nicht aus dem Weg gehen. Nur mit großem Aufwand und Kosten wird man ihn wieder los, indem man wegzieht.

Es ist ein fesselnder, aber vielleicht auch beunruhigender Gedanke, sich auszumalen, was sich unmittelbar hinter der eigenen Wohnzimmerwand alles abspielt. Nachbarn sind deshalb auch ein beliebtes Filmthema, angefangen beim Hitchcock-Klassiker „Fenster zum Hof“ über einen Mann, der durch Beobachtung seines Nachbarn einen Mord aufklärt. In den Hauptrollen: James Stewart und Grace Kelly.

In dem Erotikthriller „Sliver“ (1993) entpuppt sich ein scheinbar anonymes Hochhaus in Manhattan als Überwachungsstation mit versteckten Kameras in allen Wohnungen. New Yorker stehen seit Langem im Ruf, ihre Nachbarn gern durch Teleskope zu bespitzeln. Manche Bewohner des Wolkenkratzerwaldes haben Hunderte Wohnungen auf einmal im Blick und erhaschen Einblicke in die Privatsphäre vieler Menschen, ohne sie je persönlich kennenzulernen. Die deutsche Traumvorstellung vom Wohnen ist – oder war jedenfalls lange – das Einfamilienhaus. Leben ohne Nachbarn oder zumindest nur mit Nachbarn auf Abstand. In England heißt es „My home is my castle“. Im 19. Jahrhundert entstanden dort endlose Reihen schmaler, gleich aussehender Reihenhäuser. „Dieses hat wohl seinen Grund in dem Umstand, dass jede englische Familie – und bestünde sie auch nur aus zwei Personen – dennoch ein ganzes Haus, ihr eigenes Kastell, bewohnen will“, analysierte der Dichter Heinrich Heine.

Sollte man den Nachbarn grüßen?

In der Realität ist Deutschland ein Land der Mieter, und Mieten bedeutet in den meisten Fällen, von Nachbarn umgeben zu sein. Nachbarn, die auch immer mal wechseln. Im Umgang mit neuen Nachbarn sei grundsätzlich höfliche Distanz geboten, rät Professor Siebel. Denn es kann sich ja immer herausstellen, dass man nicht zusammenpasst. Und dann ist es besser, den Kontakt zu begrenzen.

Als Minimum an Höflichkeit gilt in Deutschland, dass man sich grüßt. Das ist aber nicht überall so. In internationalen Metropolen verzichten Nachbarn oft darauf. Dies wird nicht als unhöflich verstanden, sondern gerade als rücksichtsvoll: Man möchte sich nicht aufdrängen. Und ist sich bewusst: Hat man einmal mit dem Grüßen angefangen, ist man verpflichtet, es immer wieder zu tun.

„My home is my castle“ gilt auch in Deutschland in dem Sinne, dass das eigene Zuhause ein geradezu heiliger Ort ist, der vor aufdringlichen Blicken geschützt werden muss. Also verschanzt man sich blickdicht hinter Bretterzäunen und Lorbeerhecken. Siebel erklärt das so: „Man ist ja im Alltag so sehr ständiger Beobachtung ausgesetzt, dass die Privatsphäre der einzige Ort mit einem Recht auf Nichtsichtbarkeit ist. Dort ist man unbeobachtet, ungestört. Und das ist ein hohes Gut.“

Auch wenn man grundsätzlich lieber keinen Kontakt zum Nachbarn will, ergibt er sich oft zwangsläufig. Zum Beispiel bei Strom- oder Internetausfall. Dann will man wissen, ob das nebenan auch so ist. Oder, besonders unangenehmes Beispiel: Beim Nachbarn von oben läuft die Badewanne über und das Wasser rinnt durch die Decke.

Als der heutige Nato-Generalsekretär Mark Rutte noch niederländischer Ministerpräsident war, fiel bei der über ihm lebenden alten Dame mal ein Sirup-Glas um. Die dicke, klebrige Flüssigkeit tropfte durch eine Ritze in der Decke auf seine italienischen Maßanzüge – so schildert es seine Biografin Petra de Koning. Rutte hat das demnach aber ganz locker genommen und sich die Anzüge einfach neu gekauft. Nach dem Motto: Nicht wert, sich darüber aufzuregen.

So entspannt ist allerdings nicht jeder. „Ein Richter hat mir mal gesagt, es gibt drei Fälle außerordentlich emotional aufgeladener Streitigkeiten vor Gericht“, erzählt Siebel. „Das sind Erbschaftsangelegenheiten, Scheidungen und Nachbarschaftsstreitigkeiten. Und das eben aufgrund der Unentrinnbarkeit und weil es ums Eingemachte geht – um die Privatsphäre, wo man Autonomie will.“

Vegetationsfehden um die Garten-Gestaltung

Besonders konfliktträchtig scheinen Gärten zu sein. Wenn die Bepflanzung von nebenan lange Schatten wirft und dadurch gelbe Flecken im Grün verursacht, kann dies zu Vegetationsfehden mit bizarren Auswüchsen führen. Mitunter kann man noch von Glück sagen, wenn es nur der vorgehaltene Gartenschlauch ist, mit dem sich die Kontrahenten bedrohen.

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, heißt es bei Friedrich Schiller. Soziologe Siebel weist allerdings darauf hin, dass es auch eine ganz andere Redensart gibt: „Ein Nachbar in der Nähe ist besser als ein Bruder in der Ferne.“ Das bedeutet: Der Nachbar ist ein Potenzial für Hilfe und hat den Vorzug unmittelbarer Erreichbarkeit.

Beim Nachbarn kann man sich Eier oder Milch borgen. Oder – schon deutlich weitergehend – man kann ihn bitten, im Urlaub die Blumen zu gießen oder die Goldfische zu füttern. Das funktioniert oft am besten, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht. „Man will nicht zum Schuldner des Nachbarn werden“, so Siebel.

In der Corona-Zeit wurden Nachbarn im Lockdown plötzlich sehr wichtig. Man ging für andere einkaufen, und achtete aufeinander. Walter Siebel erinnert sich, wie sich in seinem Wohnort Oldenburg viele Nachbarn abends zum gemeinsamen Singen am Fenster verabredeten. „Die Nachbarschaft hat auch einen sehr positiven Assoziationsraum“, sagt er. „Eine gute Nachbarschaft wünscht sich jeder. Und ich denke, dass das auch die Verklärung guter Nachbarschaften ausmacht, diese Sehnsucht nach Sich-Aufgehoben-Fühlen, nach Gemeinschaft, nach informellen Kontakten. Gute Nachbarschaft steht für gelingende Gemeinschaft.“

Aus diesem Bestreben heraus entstand auch der Tag der Nachbarschaft, ursprünglich in Frankreich. Ziel ist es, Nachbarn miteinander ins Gespräch zu bringen, durch Straßenfeste, Flohmärkte, Grillabende... Auch in Deutschland ist der 29. Mai heute ein bundesweiter Aktionstag, zu dem die Nebenan-Stiftung, eine gemeinnützige Tochter der Nachbarschaftsplattform „nebenan.de“, aufruft.

„Wir schätzen, dass sich Hunderttausende beteiligen“, sagt eine Sprecherin. „Es ist immer wieder bewegend zu sehen, wie sich schon während der Vorbereitungen Interessierte bei uns melden und mit ihren Aktionen in den Startlöchern stehen.“ Denn das darf man bei allem Konfliktpotenzial ja nicht vergessen: Nachbarn können auch nett sein. Sehr nett sogar.

dpa/ly

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