Düsseldorf. Der Irankrieg belastet die Stimmung am Aktienmarkt massiv. Mittlerweile ist sie so schlecht wie zuletzt zu Beginn des globalen Zollstreits im April 2025. Das zeigt die Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment.
Damals verlor der deutsche Leitindex Dax gegenüber seinem vorherigen Hoch knapp 19 Prozent an Wert. Gegenwärtig beträgt der Verlust vom Tagestief am Montag gegenüber dem Mitte Januar erzielten Rekordhoch zehn Prozent.
Für das Dax-Sentiment befragt das Handelsblatt jeden Freitagmorgen bis Samstagabend gut 10.000 Privatanlegerinnen und -anleger nach ihrer aktuellen Markteinschätzung. Die Antworten wertet Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, aus und ergänzt sie um weitere Indikatoren.
Das aktuelle Ergebnis zeigt, dass die Anlegerstimmung (Sentiment) auf minus 5,8 Punkte eingebrochen ist. Damit befindet sich der Wert im negativen Extrembereich: Dieser startet bei minus vier Punkten und zeigt ab dort Panik an.
61 Prozent der Befragten verorten den Dax mittlerweile in einem Abwärtstrend, 24 Prozent beobachten eine Seitwärtsbewegung, und neun Prozent hoffen auf eine Bodenbildung. Letztere heißt, dass das Ende einer Abwärtsbewegung erreicht wird.
Kaufbereitschaft schnellt in die Höhe
Die Verunsicherung steigt dadurch auf minus 6,5 Punkte. Das ist ebenfalls der tiefste Stand seit April 2025. Die Verunsicherung wird gemessen, indem die Anleger sagen, ob sich ihre Erwartungen in der vergangenen Woche erfüllt haben. Je mehr Erwartungen enttäuscht werden, desto höher ist die Verunsicherung.
Im Gegensatz dazu steigt aber die Zukunftserwartung auf plus 2,5 Punkte. Sie wird berechnet, indem die Umfrageteilnehmer angeben, in welcher Marktphase sie den Dax in drei Monaten erwarten.
Steigende Zukunftserwartungen sind im Umfeld fallender Kurse nicht ungewöhnlich. Denn geben Aktien nach, hat sich ein Teil der negativen Erwartungen bereits materialisiert. „An ein Fortsetzen des Ausverkaufs glauben also die wenigsten Anleger. Im Gegenteil, man betrachtet den Kurseinbruch als grundlosen Rückschlag“, sagt Heibel.
Dazu passend steigt auch die Investitionsbereitschaft unter den Umfrageteilnehmern. Mit plus 3,6 Punkten erreicht sie den höchsten Stand seit der US-Wahl im November 2024.
Dieser Optimismus könnte für kurzfristig orientierte Anleger aber verfrüht sein, warnt Heibel – auch wenn Panik am Aktienmarkt tatsächlich häufig ein Einstiegssignal sei: „Panik ist eigentlich ein guter Indikator dafür, dass Anleger ihre Nerven verlieren und alle Aktien auf den Markt schmeißen. Wenn diese Verkaufsorgie dann abebbt, wenn es keine Verkäufer mehr gibt, dann beginnen die Kurse zu steigen, obwohl so eine rechte Nachfrage noch gar nicht zu sehen ist.“
Doch diesen Punkt sieht Heibel noch nicht erreicht. Ein Indikator dafür ist der Fünf-Wochen-Durchschnitt des Dax-Sentiments.
In den vergangenen Krisen waren erst Werte ab minus 20 Punkten ein verlässliches Signal, dass sich alle potenziellen Verkäufer von ihren Aktien getrennt haben. Aktuell notiert dieser Index bei minus 6,7 Punkten.
Heibel gibt zu bedenken, dass bereits in der vergangenen Woche viele Absicherungen eingelöst wurden, weil Anleger nur eine kurze Kurskorrektur erwarteten. Nun werden kaum noch Absicherungen gekauft. Vielmehr setzen Anleger schon wieder auf steigende Kurse, zeigen Daten der Börse Stuttgart.
Zweite Verkaufswelle droht
Der AnimusX-Geschäftsführer warnt daher: „Sollte es eine weitere negative Schlagzeile geben, etwa ein Scheitern der USA, die Seestraße von Hormus in absehbarer Zeit wieder befahrbar zu machen, dann könnte eine zweite Welle des Ausverkaufs deutlich stärker ausfallen als die erste.“
Auf der anderen Seite sei das Aufwärtspotenzial des Dax wahrscheinlich begrenzt, führt Heibel weiter aus. Denn wenn bereits jetzt viele Anleger auf steigende Kurse setzen, könnte eine Rally – falls sie startet – schnell durch Gewinnmitnahmen beendet werden.
Mittel- und langfristig fällt Heibels Fazit aber anders aus: „Da einer der Hauptgründe für die schwache Aktienmarktentwicklung der hohe Ölpreis ist, können wir darauf hoffen, dass die aktuelle Marktschwäche nicht ewig dauern wird.“ Die Historie spreche dafür, dass es eine Lösung geben werde und sich die Aktienmärkte wieder stabilisieren.
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Seit 2014 analysiert Stephan Heibel die Handelsblatt-Umfrage. Foto: Matthias Martin, Berlin
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