China und der Irankrieg: China hatte schon vor dem Ölpreisschock ein Problem

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Aus der Serie: Lu erklärt China

Die Volksrepublik hat sich vorbereitet. Doch in Wahrheit kann die Ölkrise die wirtschaftliche Lage im Land verschärfen. Die Mittelschicht wartet auf bessere Zeiten.

30. März 2026, 19:00 Uhr

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 Am Bund in Shanghai, März 2026
Am Bund in Shanghai, März 2026 © Jade Gao/​AFP via Getty Images

Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser ZEIT-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

Am 23. März standen die Autos in Chinas Städten in langen Schlangen vor den Zapfsäulen der Tankstellen. Der Grund: Die Spritpreise sollten um Mitternacht angepasst werden, der Preis pro Liter stieg um umgerechnet etwa 11 Cent für Benzin und 12 Cent für Diesel. Hätte die Regierung die Preise nicht noch erheblich subventioniert, wären sie um 20 und 22 Cent gestiegen.

Dazu muss man wissen, dass die Volksrepublik China erst mal besser auf die aktuelle Ölkrise vorbereitet ist als andere große Volkswirtschaften. China ist zwar ein Großeinkäufer von Erdöl und Flüssiggas aus dem Nahen Osten, hat aber strategische Ölreserven für wahrscheinlich noch gut vier Monate angelegt. Dennoch wird die Ölkrise für die verarbeitende Industrie des Landes zu einem Problem. Dieser zentrale Motor der chinesischen Wirtschaft war ohnehin gerade ans Ende eines Erfolgszyklus geraten. Die gegenwärtige Krise wird ihm weiter zusetzen.

Das produzierende Gewerbe ist Teil eines Problems geworden

In den vergangenen vier Jahrzehnten war die verarbeitende Industrie die verlässlichste Triebkraft der chinesischen Volkswirtschaft. Ihren Höhepunkt hatte sie 2006 mit einem Anteil von 35,5 Prozent am Bruttoinlandsprodukt erreicht. Seitdem geht ihre Bedeutung zurück, in den vergangenen Jahren lag der Anteil bei jeweils um die 20 Prozent.

Da China nicht weniger als rund 31 Prozent der weltweiten Wertschöpfung in diesem Bereich ausmacht, gehen viele Beobachter davon aus, dass Chinas Produktionskapazitäten in erster Linie dank des Exports schnell wachsen. Der Exportboom nach der Coronapandemie hatte diesen Eindruck nur noch verstärkt. Dem von Donald Trump entfachten Zollkrieg zum Trotz sind die chinesischen Exporte 2025 um 6,1 Prozent gestiegen, und damit stärker als die fünf Prozent Steigerung des BIP. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt liegt bei 25 Prozent.

Trotzdem ist der so entstandene Eindruck falsch, denn in den zehn Jahren vor der Pandemie hat tatsächlich die Binnennachfrage etwa doppelt so viel zum Wachstum des chinesischen verarbeitenden Gewerbes beigetragen wie die Exporte. Zwischen 2008 und 2019 stieg die Wertschöpfung durch den Export von 8,4 auf 11,5 Prozent des weltweiten Gesamtwerts – die inländische Wertschöpfung wuchs jedoch viel dramatischer: von 6,1 auf 16 Prozent des globalen Gesamtwerts.

Die treibende Kraft dabei waren Investitionen. Als Reaktion auf die Finanzkrise legte Chinas Führung 2008 ein massives Konjunkturprogramm für Immobilien und Infrastruktur auf. Mit großem Erfolg: Der Bau von Straßen, Bahntrassen, Flughäfen und Häusern stützte die Nachfrage nach Stahl, Zement, Maschinenbau, Chemie und vielen anderen Produkten des produzierenden Gewerbes. Die Beschäftigungslage blieb gut.

Zu viel Immobilien und zu wenig Bedarf

Eine wachsende Mittelschicht entwickelte in der Folge größeren Appetit auf Immobilien und Grundbesitz. Sie nahm entsprechend mehr Kredite auf, die Immobilienunternehmen ebenso. Auch Lokalregierungen investierten groß in Immobilien und grundlegende Infrastruktur. Die Regierung hatte höhere Steuereinnahmen.

Dieser positive Kreislauf war lange selbstverstärkend: Das Niveau der Investitionen blieb sehr hoch, bis die enorme Verschuldung der lokalen Regierungen sowie drohende Insolvenzen der Immobiliengiganten die Zentralregierung 2020 zwangen, auf die Bremse zu treten.

Mit anderen Worten: Das produzierende Gewerbe in China hatte vor allem von der Inlandsnachfrage profitiert, die mit dem Immobiliensektor und von der Regierung gestützten Infrastrukturprojekten zu tun hatte. Nun geht beiden Sektoren aber die Puste aus.

Der Immobiliensektor hat, nimmt man alle vor- und nachgelagerten Bereiche dazu, auf seinem Höhepunkt rund 25 bis 30 Prozent des chinesischen BIP ausgemacht. Seit der Verkündung der Drei-Rote-Linien-Politik im Jahr 2020 und der Krise des Immobiliengiganten Evergrande 2021 sinkt dieser Anteil rapide. Der zentrale Grund dafür ist das Überangebot an Häusern. Im Jahr 2023 hat ein früherer Staatsbeamter im Gespräch mit Reuters festgestellt, dass sich all die leeren Apartments, die im ganzen Land erbaut wurden, auch mit 1,4 Milliarden Menschen nicht füllen lassen werden.

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