Börse: Neue Regeln für Prestige-Listings: Indizes erleichtern Börsenneulingen wie SpaceX die Aufnahme

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Das Ziel: Große, neu an einer Börse gelistete Unternehmen sollen schneller und mit einem relevanten Gewicht in den Index Nasdaq 100 gelangen. Auch andere Indexanbieter ziehen bereits nach oder beraten über Indexanpassungen. Antworten auf die wichtigsten Fragen zu den Gründen und Auswirkungen.

Welche Regeln werden geändert?

Im Technologieindex Nasdaq 100 sind die größten Tech-Unternehmen der Welt enthalten, aber auch der Einzelhandelskonzern Walmart. Voraussetzung für die Aufnahme ist, dass das Unternehmen an der Nasdaq-Börse gelistet ist. Für viele Unternehmen stellt das einen großen Anreiz dar, diese Technologiebörse für ihren Börsengang (IPO) zu wählen.

Für den breiten US-Index S&P 500 gibt es im Vergleich dazu keine ähnliche Regel: Er nimmt Unternehmen auf, egal an welcher US-Börse sie gelistet sind – ob Nasdaq oder New York Stock Exchange.

Andere Indexregeln hat Nasdaq zum 1. Mai geändert. Eine davon ist die Wartezeit: Statt der zuvor vorgesehenen drei Monate kann ein Unternehmen nun bereits nach 15 Tagen Handelszeit in den Nasdaq 100 aufgenommen werden.

33,3Prozent- hier liegt die Streubesitz-Untergrenze für das neue Gewichtungsmodell.

Die zweite wichtige Änderung betrifft den Streubesitz. Bisher galt, dass Unternehmen nur dann in den Index aufgenommen werden konnten, wenn mindestens zehn Prozent ihrer ausstehenden Aktien öffentlich handelbar sind. Dieser Anteil wird auch als Streubesitz oder „Free Float“ bezeichnet. Wenn ein Unternehmen beispielsweise über 100 Millionen ausstehende Aktien verfügt und beim Börsengang nur 40 Millionen dieser Papiere ausgibt, liegt der Streubesitz bei 40 Prozent.

Hintergrund der Zehn-Prozent-Hürde war, für ein Mindestmaß an Liquidität zu sorgen. Es sollten genug Papiere am Markt handelbar sein, damit etwa passive Fonds sie handeln können, ohne den Preis damit zu stark zu beeinflussen.

Nun gilt ein neues Gewichtungsmodell. Unternehmen, deren Streubesitz unter 33,3 Prozent liegt, werden dabei nicht mit ihrer vollen Marktkapitalisierung in dem Index abgebildet. Liegt der „Free Float“ unter dieser Schwelle, wird der Titel für die Indexgewichtung höchstens mit dem Dreifachen seines Streubesitzes berücksichtigt.

Was ist der Grund für die Änderungen?

SpaceX hätte die frühere Zehn-Prozent-Hürde wohl klar verfehlt. Denn wenn der Konzern bei einer Bewertung von 1,75 Billionen Dollar 75 Milliarden Dollar einnehmen will, läge der geschätzte Streubesitz bei nur knapp 4,3 Prozent. Zum Vergleich: Der Chiphersteller Nvidia oder der Tech-Konzern Microsoft verfügen mit über 95 Prozent über einen sehr hohen Streubesitz.

Nach den neuen Regeln wird der mögliche Streubesitz von 75 Milliarden Dollar so behandelt, als läge er dreimal so hoch – also bei rund 225 Milliarden Dollar. SpaceX würde dann zwar nicht mit seiner vollen geschätzten Marktkapitalisierung von 1,75 Billionen Dollar in die Indexgewichtung eingehen, aber auch nicht nur mit seinem tatsächlichen „Free Float“. Erst wenn der Streubesitz von SpaceX auf über 33,3 Prozent steigt, wird das Unternehmen mit seiner gesamten Marktkapitalisierung im Nasdaq 100 abgebildet.

Nasdaq-Werbung in New York: Neues Regelwerk für das Raumfahrtunternehmen. Foto: Bloomberg

Diese neuen Regeln gelten jedoch nicht für jedes Unternehmen, das an die Nasdaq strebt. Eine Bedingung ist, dass es nach Börsenwert zu den 40 größten Positionen im Nasdaq 100 zählen muss. Die Hürde ist also so gesetzt, dass sie vor allem große IPOs erfasst. Sollte SpaceX mit einer anvisierten Marktkapitalisierung von 1,75 Billionen Dollar an die Börse kommen, wäre es nach aktuellem Stand das siebtgrößte Unternehmen im Index – direkt vor dem Elektroautohersteller Tesla mit 1,6 Billionen Dollar.

Was sagen Experten zur Regeländerung?

Dass die Nasdaq ihre eigenen Regeln zu diesem Zeitpunkt anpasst, stößt auf Kritik. Der Vorwurf: Der Anbieter weiche seine Regeln zugunsten eines einzelnen Prestige-Listings auf – und zulasten einer sauberen Preisfindung und von Privatanlegern.

Auch der britische Indexanbieter FTSE Russell hat vergangene Woche ein beschleunigtes Aufnahmeverfahren für seine US-Aktienindizes angekündigt. Bereits nach fünf Handelstagen können bestimmte Unternehmen nun in die Indizes gelangen. Der Indexriese S&P Dow Jones berät derzeit ebenfalls über eine Anpassung seiner Indexregeln für ein schnelleres Aufnahmeverfahren.

Indexanbieter rollen den roten Teppich aus. Jörg Held, Vermögensverwalter

„Wenn Regeln für ein bestimmtes IPO wie das von SpaceX geändert werden, sollten Anleger kritisch hinterfragen, warum ein Indexanbieter so vorgeht“, sagt Olaf Stotz, Finanzprofessor an der Frankfurt School of Finance. Die Forschung zeige, dass IPOs in den Jahren nach dem Börsengang häufig schlechter abschnitten als der Gesamtmarkt. Die Performance könne deswegen nur schwer der Grund für die Regeländerung sein. Naheliegend sei dagegen die Vermutung, dass die Regeländerung den „Erfolg“ des IPOs unterstütze.

SpaceX-Chef Musk: „Die Indexanbieter rollen den roten Teppich aus.“ Foto: AFP via Getty Images

Die Indexanbieter erklären den Schritt dagegen damit, sich schneller den neuen Marktgegebenheiten anpassen zu wollen. Die angepassten Regeln sollten laut Nasdaq gewährleisten, dass der Index „aktuell und repräsentativ“ für den Markt bleibe und es passiven Managern ermöglicht werde, ihn einfach nachzubilden.

„Die Indexanbieter rollen den roten Teppich aus“, kommentierte Jörg Held vom Vermögensverwalter Ethenea die Anpassungen. „Die Regeln werden auf Unternehmen zugeschnitten, die für normale IPO-Standards schlicht zu groß sind.“

Auch die beschleunigte Indexaufnahme ist umstritten, der sogenannte „Fast Entry“. Denn er lasse weniger Zeit für eine saubere Preisfindung. Dadurch könnten SpaceX-Aktien zu einem überhöhten Preis in den Index aufgenommen werden, prognostiziert Stotz. „Die Preisbildung wird einem Bankkonsortium überlassen, nicht dem Markt.“ Aus Anlegersicht sei dieses Vorgehen kritisch zu sehen.

Welche Folgen gibt es für Privatanleger?

Der Nasdaq 100 wird von zahlreichen börsengehandelten Indexfonds (ETFs) passiv nachgebildet, die Neuaufnahmen entsprechend umsetzen müssen. Der Index gilt als Referenzpunkt für passive ETFs in Höhe von rund 590 Milliarden Dollar. Zu den größten zählt der Invesco QQQ mit rund 494 Milliarden Dollar an verwaltetem Vermögen.

Wenn all diese ETFs ab dem 15. Handelstag Aktien von SpaceX ins Portfolio nehmen müssen, träfen wenige frei verfügbare Aktien in sehr kurzer Zeit auf eine geballte Nachfrage. Bei einer erwarteten SpaceX-Gewichtung zwischen 0,5 und 0,7 Prozent im Index müsste allein der Invesco-ETF Wertpapiere in Höhe von zwei bis dreieinhalb Milliarden Dollar kaufen, schätzt Markus Fehn vom Kapitalmarkt-Dienstleister Chartered Investment.

SpaceX

„Mr. IPO“ zum Börsengang des Jahres: „Bei hohen Bewertungen kann viel schiefgehen“

Finanzprofessor Stotz warnt: Insbesondere an den ersten Tagen könne der Kaufdruck deutlich sein. Wenn Indexfonds zu wenige Aktien erhielten, müssten sie diese in den ersten Tagen am Markt nachkaufen, was tendenziell den Kurs in die Höhe treiben könne. „Die Gefahr für Preisverzerrungen ist deswegen gerade beim SpaceX-IPO aus meiner Sicht sehr groß“, sagt Stotz.

Frühe Kursbewegungen dürften in erster Linie spekulativ getrieben sein, sagt Moritz Henkel vom Investmenthaus VanEck. Denn diese fänden zu einem Zeitpunkt statt, zu dem öffentlich verfügbare Daten für eine belastbare Bewertung nicht ausreichten.

Wie profitieren Indexanbieter von den Änderungen?

Hinter den Regelanpassungen sehen Experten zum einen kommerzielle Interessen. So steht der Börsenanbieter Nasdaq bei Listings etwa in direkter Konkurrenz zur New York Stock Exchange. Wenn er die Aufnahme in seinen Index erleichtert, erhöht er die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen auch seine Börse wählen.

Zudem könne eine Aufnahme in den Index zusätzliche Nachfrage durch ETFs und indexorientierte Investoren in Milliardenhöhe erzeugen, sagt Elisabeth Plakinger von der Beratung Capco.

Wenn der Nasdaq 100 als methodisch fragwürdig wahrgenommen wird, schadet das mittelfristig dem Tracking-Volumen und der Stellung des Indexes. Markus Fehn, Kapitalmarktexperte

Alex Matturi, der frühere Chef des Indexanbieters S&P Dow Jones Indizes, kritisierte es als „unangemessen“, wenn ein Indexanbieter seine Zusammenstellung ändere, um die Wahrscheinlichkeit einer Notierung an der Börse der Muttergesellschaft zu erhöhen.

Dass trotzdem auch andere Indexanbieter nachziehen, zeigt den gestiegenen Wettbewerbsdruck. Sollten auch die beiden Künstliche-Intelligenz-Entwickler OpenAI und Anthropic noch in diesem Jahr an die Börse gehen, könnten gleich mehrere Billionen-Konzerne dank der neuen Regeln schneller im Nasdaq 100 landen. Für konkurrierende Indexfamilien wäre das ein potenzieller Wettbewerbsnachteil: Wer die neuen Schwergewichte später abbildet, liefert Anlegern womöglich auch später den Zugang zu einem Teil deren Kursentwicklung.

Kurschart: Gleich mehrere Billionen-Konzerne streben an die Börse. Foto: REUTERS

Einen allgemeinen Modernisierungsimpuls der Indexanbieter kann Experte Fehn nachvollziehen. Dahinter stecke die Entwicklung der vergangenen Jahre, dass Unternehmen immer länger privat blieben und dann mit höheren Bewertungen und geringerem Streubesitz an die Börse kämen.

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SpaceX gehöre zu einer Klasse von Unternehmen, deren wirtschaftliche Bedeutung bereits am Tag des IPOs feststehe, so Fehn. Als weitere Beispiele nennt er den Online-Finanzdienstleister Stripe und das Softwareunternehmen Databricks. „Ein Index, der diese Unternehmen über Monate ausschließt, riskiert seine eigene Relevanz.“

Die Frage sei nur, ob die gewählte Änderung der einzige Weg gewesen sei. Der Streit drehe sich am Ende nicht darum, ob SpaceX und ähnliche Unternehmen in den Index gehörten – denn das täten sie. Er drehe sich darum, zu welchen Bedingungen dies geschehe und ob Anleger diese verstünden, erklärt Fehn. Denn aus seiner Sicht trügen passive Anleger nun das Risiko, dass sie zu einem methodisch verzerrten Preisniveau einsteigen.

Auch für die Indexanbieter sieht Fehn Reputationsrisiken. „Wenn der Nasdaq 100 als methodisch fragwürdig wahrgenommen wird, schadet das mittelfristig dem Tracking-Volumen und der Stellung des Indexes“, warnt er. Der kurzfristige Wettbewerbsvorteil im Werben um die Mega-IPOs könne sich dann mittelfristig in einen Imagenachteil verwandeln.

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