Big Brother gewonnen: Mussolinis Enkelin ist in Italien jetzt ein Trash-TV-Star

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Mussolini hat gewonnen: Diesen bedeutungsschweren Satz las man in diesen Tagen in Italiens Zeitungen sowie in unzähligen Posts in den sozialen Medien. Gemeint war jedoch nicht Benito Mussolini und dessen Traum vom Sieg des Faschismus. Die Person, um die es in den Artikeln und Posts ging, ist Alessandra Mussolini, 63 Jahre alt und Enkelin des Duce. Hundert Jahre nachdem ihr Großvater die faschistischen Gesetze in Italien erließ, wurde sie in dieser Woche per Televoting zur Siegerin der jüngsten Staffel der Fernsehshow „Grande Fratello VIP“, der italienischen Promiausgabe von Big Brother, gekürt. Mit fast zwei Milliarden Social-Media-Interaktionen war die Staffel eine der erfolgreichsten, seitdem das Format 2016 beim Berlusconi-Sender Canale 5 in Italien startete.

Alessandra Mussolini hält sich im Container fit.Alessandra Mussolini hält sich im Container fit.Grande Fratello VIP

Der Familienname Mussolini ist in Italien eine historisch-politische Chiffre, die bis heute tiefe Gräben aufreißt. Was sagt es da über Italien aus, dass ein längst überholtes Format des Reality-Fernsehens auf einmal wieder Quote macht, weil dort die Enkelin des Duce auftritt? Was hat es zu bedeuten, wenn ihr ein Millionenpublikum dabei zusieht, wie sie Pasta kocht, über Familienprobleme weint und am Ende der 67 Tage als „beliebteste Mitbewohnerin“ den Fernsehcontainer verlässt? Ist es Ausdruck einer kollektiven Amnesie oder Zeichen einer gelungenen persönlichen Emanzipation?

Der Kampf, den Namen Mussolini reinzuwaschen

Mit Fragen dieser Art beschäftigten sich Italiens Kommentatoren am Tag nach Alessandra Mussolinis Triumph erstaunlich wenig. Ihre Einlassungen wirkten, als hätten sie vor dem Wahnsinn des Fernsehspektakels kapituliert, bei dem sich Unterhaltung, Popkultur und Politik verwischen wie die Schichten eines zu lange in der Sonne stehenden Tiramisus. Falls der Wahnsinn überhaupt spezifisch italienisch ist: Donald Trump gelangte von der Reality-Show ins Oval Office, wo er das Gebaren eines Diktators annahm, Alessandra Mussolini trug ihren Familiennamen, den Namen eines Diktators, in einen Big Brother-Container. Das Fazit vieler italienischer Medien lautete, Alessandra Mussolini habe die Zuschauer mit ihrer nahbaren Art, ihrem Charme und Witz überzeugt.

 Gedenkveranstaltung zum 80. Todestag von Benito Mussolini in Predappio im April 2025 mit Nachfahren des Diktators. Er wurde von Mitgliedern des italienischen Widerstands erschossen.Die faschistische Vergangenheit lebendig halten: Gedenkveranstaltung zum 80. Todestag von Benito Mussolini in Predappio im April 2025 mit Nachfahren des Diktators. Er wurde von Mitgliedern des italienischen Widerstands erschossen.EPA

Dabei ist offensichtlich, dass auch ihr Familienname mit ausschlaggebend war. Alessandra Mussolini hat ihn immer offensiv als Marke genutzt. Vom Erbe ihres Großvaters distanzierte sie sich nie. Im Gegenteil: Die Tochter von Benitos Sohn Romano, einem Jazzpianisten, und Maria Scicolone, der Schwester der Schauspielerin Sophia Loren, scheute sich nie, ihren Großvater, der eine Blaupause für spätere populistische Führer und Diktaturen schuf und bei der Deportation von Juden in die Vernichtungslager mit den Nazis kollaborierte, öffentlich zu loben und zu verteidigen. Jahrzehntelang setzte sie sich dafür ein, den Namen Mussolini reinzuwaschen. Seit dem Amtsantritt der rechtsgerichteten Regierung Meloni trifft sie damit auf bereitwillige Akzeptanz.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Parallel dazu machte sie Karriere im Fernsehen und von den Neunzigern an auch in der Politik. Schwankend zwischen radikalem Neofaschismus und Rechtskonservatismus, war sie Mitglied der Abgeordnetenkammer, des Senats und Europäischen Parlaments. Vor zwanzig Jahren sagte sie in einer Debatte gegenüber einer Transgenderpolitikerin den Satz „Lieber Faschistin als Schwuchtel“ – er wird bis heute von der Rechten als Slogan benutzt. Mittlerweile setzt Alessandra Mussolini sich für Homosexuellenrechte ein: „Das Schwarz mit Rainbow Washing wegwaschen, eine interessante Operation“, kommentierte die Zeitung „Domani“.

Der Auftritt bot Alessandra Mussolini eine Bühne, um sich als Frau des Volkes zu inszenieren. Sollte sie sich wieder aktiver der Politik zuwenden, war es eine perfekte PR-Kampagne, da die Realityshow auch unpolitische Schichten erreicht.

Bemühungen um die Aufarbeitung des Faschismus wirft ihr Sieg dagegen zurück. Denn wenn die Enkeltochter des Duce im Fernsehen Bauchtanz aufführt oder sich erinnert, wie andere Kinder sie im Schwimmbad wegen ihres Namens drangsalierten, tritt die historische Figur Mussolini hinter der „sympathischen Alessandra“ zurück. Auf einem T-Shirt, das sie kürzlich trug, war der Aufdruck „stolz auf der falschen Seite“ zu lesen. Die trotzige Rehabilitierung des faschistischen Erbes ist längst in Italiens Popkultur verankert. Alessandra Mussolini ist nun deren prominenteste Botschafterin.

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