Ballettpremiere in Wien: Schönes Leiden, leere Hülsen süßer Kitsch

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In ihrer ersten Spielzeit als Direktorin des Wiener Staatsballetts hat die italienische Starballerina Alessandra Ferri bereits mit der Europapremiere des abendfüllenden Handlungsballetts „Kallirhoe“ des weltberühmten New York City Ballet Choreographen Alexei Ratmansky alle Blicke auf sich gezogen. Zuletzt tanzte das ausgezeichnete Ensemble der Dreiundsechzigjährigen in dem Abend „Visionary Dances“ Arbeiten von Justin Peck, Wayne McGregor und Twyla Tharp. Ihre Kenntnis der überseeischen Ballettwelt aus ihrer Zeit als Principal Dancer beim American Ballet Theatre kommt auch in ihrem neuen Programm „American Signatures“ mit vier Werken aus dem zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert zum Ausdruck.

Das Wiener Staatsballett trat jetzt in der Volksoper mit deren Orchester auf. Zum Staatsballett gehört auch das hier einbezogene Corps de Ballet der Volksoper. Jerome Robbins herrlicher, jazziger Gruppentanz „Interplay“ für acht Paare von 1945 eröffnete den Abend, es folgte das „Dispatch Duet“ von Pam Tanowitz, das die New Yorkerin 2022 für das Royal Ballet in London schuf. Ihr Duett ist das ungewöhnlichste, faszinierendste Stück des Abends. Schon der Kontrast zwischen der klanggewaltigen Musik und der Konzentration des tanzenden Paares auf ihr Alleinsein auf weiter Strecke ist großartig. Es verleiht dem intellektuellen und gekonnten Auseinandernehmen der großen Sprachen des 20. Jahrhunderts, von George Balanchine und Merce Cunningham, eine Art dramatische Untermalung und Unterstützung in der Inszenierung unerwarteter Wendungen, fremdartiger Überleitungen, postmodern selbstreferenziellen Verhaltens auf der Bühne.

Aufrüttelnd, großartig, zerrissen und laut

Die avantgardistische Orchestermusik von Ted Hearne, einzelne Partien seiner Komposition „Dispatches“, ist aufrüttelnd, fremdartig, laut, zerrissen und großartig. E-Gitarre und E-Bass machen das Orchesterkonzert erst recht aufregend. Die aus ganz anderen Klangwelten kommenden Instrumente erzählen in dieser Musik von der Fremdheit, die Hearne gegenüber der klassischen Instrumentenbesetzung empfindet: „Eigentümlich entrückt, kulturell wie klanglich“ sei die Atmosphäre im Orchesterkonzert im Vergleich mit der Musik, die er sonst höre. Es seien „offizielle Berichte aus einem fernen Ort“. Dessen Schönheiten kommen in diesem Bericht aber ausführlich zur Anhörung. Tanowitz lässt ihr Paar in weißen Ganztrikots mit einer schwarzen – für den Mann – und einer roten Schulter- und Brustpartie – für die Frau – zu einem neuen Zusammensein finden. Sie wirken wie Athleten, weltenferne Souveräne ihrer unfassbar beherrschten Körper. Man fühlt sich an Matthew Barneys tänzerische Aufmärsche auf gigantischen Plätzen erinnert, an seine Faszination für unirdische Schauplätze und unsinnige Hobbys wie Boliden und Cheerleading.

Tanowitz hat nur zwei Körper gewählt, aber diese nehmen den schwarzen leeren Raum der riesigen Bühne für sich ein. Zunächst kommen sie von ganz hinten, als wären sie im Magazin des Theaters gewesen, entspannt und vorbereitet darauf, nun zwischen sich diese ungeheure Spannung aufzubauen, die nie abnimmt, egal wie weit die beiden sich voneinander entfernen. Alles ist kontrollierte, sachliche Unterstützung des Partners, auch wenn das mit gekrümmtem Rücken ausgeführt wird in einem Gang um die auf Spitze drehende Ballerina herum. Komisch, der gebückte Mann wird zum Zwerg – aber zu einem, vor dem man sich fürchten würde wie vor einem Rumpelstilzchen.

Szene aus „Each in Their Own Time“ von Lar Lubovitch in WienSzene aus „Each in Their Own Time“ von Lar Lubovitch in Wien

Einen Moment lang sieht es so aus, als explodierte das nach eisernen Gesetzen konstruierte Geschehen. Da halten beide sich nacheinander wie bei einem Tauziehen in äußerster Balance und befreien sich dann in einem Sprung. Dann wieder kommt eine À-la-seconde-Drehung des Mannes, die aber nicht in einer repräsentativen Schlusspose im Triumph endet, sondern in dem technisch viel schwieriger auszuführenden Austrudeln, als würde man die Bewegung in langsamerem Tempo abspielen, um so zugleich deutlicher sehen und sich in das Eigenartige an ihr verlieben zu können. Ist es eine Kunst nur für die tanzgeschichtlich Belesenen? Keinesfalls, obwohl man natürlich mehr sieht und lacht, wenn Tanowitz ihr Paar für einen Moment zu den Musikern schauen lässt, denn das kennt man von Balanchines „Duo Concertant“.

Wie Balanchine hatte auch Jerome Robbins, der so lange am New York City Ballet an dessen Seite war und dessen Stücke Balanchine liebte, Sinn für Pointen und Scherze und Anekdotisches. In dem frühen „Interplay“ halten die schwebende Leichtigkeit der heiteren jungen Versammlung und die witzige Ungebremstheit der gleichnamigen Musik für Orchester und Klavier von Morton Gould alles in Balance. So lang ist der Schatten der zu Ende gegangenen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs im Oktober 1945 nicht, dass Robbins ihn auf sein New Yorker Stück fallen lässt.

 „Interplay“ von Jerome RobbinsMit Sinn für Scherze, Pointen, Anekdoten: „Interplay“ von Jerome RobbinsAshley Taylor/Wiener Staatsballett

Der Tanz von Balanchine und Robbins kann viel, er hält sich auch nicht fern von Leid oder Schmerz, aber von dem unermesslichen damaligen Grauen schon und später auch von der Tagespolitik. Das Befreiende, das Apollinische ihrer Kunst formulierten sie zeitloser und abstrakter, ein Menschenbild, eine Vorstellung von Gesellschaft hatten sie gleichwohl.

Vor der Pause folgt dann als drittes Stück „Each in Their Own Time“ von Lar Lubovitch. Die Choreographie zu Klavierkompositionen von Johannes Brahms ist nicht unmusikalisch, aber vergesslich in ihrer sepiahaften, romantischen, in Leinen gekleideten Innerlichkeit von Mann und Mann. Der komische Schluss, wenn der eine sich sehnsüchtig in einer Arabeske streckt und der andere ihn an der Wade festhält, ist sicher als tragisches Ende gemeint, kommt aber auch irgendwie unvorbereitet. Das Stück ist von 2021, könnte aber auch aus den Achtzigerjahren sein. Man denkt immer, jetzt würde gleich Jeremy Irons noch die Bühne betreten, auch gut angezogen.

Das ist vielleicht noch verzeihlich, auch wenn es so gar nicht die tanzästhetische oder tanzhistorische Bedeutung der vorangegangenen Werke erreicht. Nach der Pause aber, wenn Giovanni Battista Pergolesis „Stabat Mater“ erklingt und Jessica Langs „Let me mingle tears with thee“ beginnt, fasst man sich an den Kopf: Der Abend hatte doch so phantastisch begonnen, und jetzt endet er in einem religiösen Schönheitskitsch, den diese Musik zuletzt verdient hat.

Das Ensemble erscheint in fließenden, unterschiedlich farbigen Kleidern, später in Weiß, und sieht aus, als hätte es die Armani-Kostüme angezogen, die der Italiener für John Neumeier schneiderte. So leer und oberflächlich, so hülsenhaft kann postneoklassisches Tanzen sein. Es zerreißt die Mutter Christi in der Musik, aber Hauptsache, die Tänzerin sieht im Leiden schön aus, die Posen sind elegant, und der Stoff weht im Bühnenwind. Auf dem riesigen Schleier wird eine sitzende Tänzerin von unsichtbaren Kräften in der Gasse rausgezogen wie ein Teppich, der nicht fliegen will. Wie man Robbins und Tanowitz tun und Lubovitch und Lang nicht lassen kann, ist ganz unverständlich.

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