Aktien: Haben sich die Börsen von der Realität entkoppelt? Strategen sagen: „Nein.“

vor 2 Tage 1

Frankfurt. Der Nahostkonflikt ist alles andere als gelöst, und er hat die Energiepreise deutlich steigen lassen. Das treibt die Inflation und bringt die Anleihemärkte unter Druck. Doch die Aktienmärkte ficht dies alles offenbar nicht an: Die Indizes in den USA liegen in Sichtweite zu ihren Rekordhochs. In Europa haben der breite Index Stoxx Europe 600 und der Dax bereits neue Bestmarken aufgestellt.

Wie passt das zusammen? Sind die Aktienmärkte den Fundamentaldaten nicht viel zu weit vorausgelaufen? Ist der jüngste Crash der Chipaktien ein Vorbote für einen Einbruch am breiten Markt? Das wollte das Handelsblatt von leitenden Strategen und Investorinnen wissen. Die Antworten aus fünf Gesprächen fallen überraschend aus.

Carsten Klude, Leiter des Asset-Managements bei der Privatbank M.M.  Warburg, ordnet die Diskrepanz zwischen den schlechten Nachrichten und der in der Breite positiven Marktentwicklung so ein: „Der Irankrieg mit all seinen Folgen und die politischen Umwälzungen durch die Politik von US-Präsident Donald Trump lassen die Welt unsicher erscheinen.“ Entscheidend ist für Klude aber: „Die tatsächlichen Daten zeigen, dass die Wirtschaft und die Unternehmen allen Unsicherheiten zum Trotz sehr widerstandsfähig sind.“

Anna Velikova, Investmentstrategin bei Union Investment, sieht das ähnlich: „Wir sehen derzeit keinen makroökonomischen Schock.“ Der Irankrieg belaste die Weltwirtschaft zwar, aber nicht sonderlich stark, sagt sie mit Blick auf als solide erwartete Wachstumszahlen in diesem Jahr. Noch wichtiger ist für die vom Handelsblatt befragten Strategen, dass die Unternehmen im Schnitt nach wie vor sehr gut verdienen.

So sagt Christian Schwab, Leiter des Portfoliomanagements bei der Rothschild & Co Vermögensverwaltung in Deutschland: „Die geopolitischen Unsicherheiten haben kaum negative Auswirkungen auf die Unternehmensgewinne.“ Daher untermauern seiner Ansicht nach „die Unternehmensgewinne die Entwicklung der Börsen fundamental“.

KI ist das „entscheidende Narrativ“ für die Börsen

Die steigenden Aktienkurse hängen zudem sehr deutlich mit dem Thema Künstliche Intelligenz (KI) zusammen. Helen Windischbauer, Portfoliomanagerin und Leiterin Multi-Asset-Strategien beim Fondshaus Amundi in Deutschland, spricht von einer durch die KI-Hoffnungen und Investitionen ausgelösten „Sonderkonjunktur“.

Das sieht auch Ulrich von Auer, Senior Investmentspezialist bei der JP Morgan Private Bank in Deutschland, so: „Börsen werden immer von Narrativen angetrieben, und derzeit ist die anhaltende Revolution rund um das Thema KI das entscheidende Narrativ, das die Börsen antreibt.“

Daneben gebe es aber auch das mit KI nicht zusammenhängende Deutungsmuster rund um den Irankrieg und seine Folgen, sagt von Auer: „Wenn Anleger politische und geopolitische Schlagzeilen mit den steigenden Aktienmärkten verknüpfen, kann das suggerieren, dass sich der Aktienmarkt von den Fundamentaldaten gelöst hat.“ Doch auch für ihn ist eben das nicht der Fall.

Den Blick auf die Weltwirtschaft bewertet Windischbauer so: „Die Aussichten für das weltweite Wirtschaftswachstum in diesem Jahr haben sich seit Beginn des Irankriegs Ende Februar zwar etwas verschlechtert, sich jetzt aber bei etwa drei Prozent stabilisiert und pendeln damit um den langfristigen Trend.“

Die Sorgen vor einer Stagflation, also einer stagnierenden Wirtschaft bei höherer Inflation, die es noch zu Beginn des Irankriegs gegeben habe, seien derzeit kein Thema mehr, sagt die Portfoliomanagerin.

Gleichzeitig hat die Inflation laut von Auer ihren Höhepunkt aus aktueller Sicht im Mai mit 4,2 Prozent in den USA und 3,2 Prozent im Euro-Raum „voraussichtlich überschritten“. Auch Velikova geht davon aus, dass „wir den Peak bei der Inflation gesehen haben“.

Anders als an den Aktienmärkten zeigen sich die Folgen des Irankriegs und der gestiegenen Inflation an den Anleihemärkten: Die Bond-Kurse sind gefallen und die Renditen im Gegenzug gestiegen.

Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen liegt mit über 3,1 Prozent auf einem Niveau wie zuletzt vor 15 Jahren. In den USA ist die Rendite zehnjähriger Staatspapiere auf rund 4,7 Prozent gestiegen. Doch auch das bereitet den Strategen bisher keine allzu großen Sorgen.

„Wir sehen letztlich nur eine Normalisierung“, sagt Klude von M.M. Warburg. Dies gelte auch deshalb, weil sich die Notenbanken als die  jahrelang größten Käufer von Staatsanleihen zurückgezogen haben, erklärt er. Solange es keinen neuen sprunghaften Anstieg der Anleiherenditen gebe, könne der Aktienmarkt mit dem Zinsniveau gut leben.

Ein Risiko für die Energiepreise, die Inflation, die Anleiherenditen und die Wirtschaft ist nach Ansicht der vom Handelsblatt befragten Strategen ein länger anhaltender und sich womöglich noch ausdehnender Nahostkonflikt.

Doch ganz so groß, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist ihrer Einschätzung nach auch dieses Risiko nicht. Velikova von Union Investment sagt: „Die Weltwirtschaft ist heute viel weniger abhängig von Öl als noch in den 1970er-Jahren, in denen auf die erste und zweite Ölkrise schwere Rezessionen folgten.“

Hinzu komme, dass die Unternehmen sehr viel resilienter geworden seien, ergänzt Velikova: „Seit Beginn des Ukrainekriegs erleben wir ständig Krisen, doch Unternehmen passen sich an. Die Lieferketten sind nicht mehr so fragil wie früher, und Handelsströme haben sich vielfach angepasst.“

Viele Unternehmen überzeugen mit ihren Zahlen

Dass es vielen Unternehmen gut geht, zeigt die laufende Berichtssaison. „Die Unternehmen präsentieren gerade in den USA jetzt wieder hervorragende Ergebnisse, und die Prognosen für die Gewinnsteigerungen liegen in diesem Jahr im Schnitt bei über 20 Prozent“, sagt Schwab von Rothschild & Co. Auch in Europa hätten viele der bislang vorgelegten Quartalszahlen und die Ausblicke der Firmen überzeugt.

Das hat auch Folgen für die Bewertungen: „Die Aktienmärkte sind deutlich gestiegen, aber die Entwicklung wird eben auch stark durch das Gewinnwachstum getragen“, erklärt Schwab.

Klude hebt zudem als gutes Zeichen hervor, dass „die Gewinne und Gewinnerwartungen sowohl in den USA als auch in Europa in der Breite steigen und sich nicht mehr vor allem auf die großen Tech-Konzerne konzentrieren“.

Wenn die Prognosen nicht mindestens getroffen werden, sind sehr starke Kursreaktionen zu erwarten. Helen Windischbauer, Amundi

Entscheidend mit Blick nach vorn ist indes für die vom Handelsblatt befragten Anlageexperten, ob die Unternehmen in der Lage sind, die Gewinnerwartungen weiter zu erfüllen. Windischbauer von Amundi sieht hier gerade für die Aktien von KI-Unternehmen eine Gefahr. „Wenn die Prognosen nicht mindestens getroffen werden, sind sehr starke Kursreaktionen zu erwarten“, sagt sie.

Gefahr zeichnet sich hier unter anderem mit Blick auf die wachsende Konkurrenz günstiger KI-Modelle und Speicherchips aus China ab. Vor diesem Hintergrund stellt sich für Windischbauer die Frage, „ob man wirklich die Milliarden an geplanten Ausrüstungsinvestitionen braucht, wenn sich alles auch mit viel geringeren Investitionssummen erreichen lässt“.

Auch Investmentspezialist von Auer von der JP Morgan Private Bank sagt: „Die Disruption durch chinesische Konkurrenz ist ein Risiko für die etablierten Unternehmen.“ Dabei gehe es immer auch um die Frage, ob sich die enormen Investitionen der großen, Hyperscaler genannten Anbieter von Rechenzentren und auch von anderen Unternehmen in das Thema KI auszahlten, ergänzt er.

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Insgesamt geht von Auer jedoch von einer steigenden Nachfrage nach KI-Dienstleistungen aus. Daher ist der Experte „optimistisch für das gesamte KI-Ökosystem“. Dies gelte angesichts „fantastischer Gewinne auch speziell für Anbieter in den USA“, sagt er.

Das US-Branchenbarometer Philadelphia Semiconductor Index ist bis zu 30 Prozent unter sein Allzeithoch gefallen. In Südkorea brach der von den Chipherstellern Samsung und SK Hynx dominierte Kospi-Index in der Spitze gar um fast 40 Prozent ein. In den 14 Monaten zuvor hatten sich die Indizes indes fast verdreifacht.

Seit einigen Tagen sind die Chipwerte wieder auf Erholungskurs, aber noch weit von ihren Rekordständen entfernt. Von Auer und Schwab werten die Rückschläge als gesunde Korrektur. Klude findet es sogar gewissermaßen beruhigend, „dass es in den heiß gelaufenen Sektoren auch einmal deutlich nach unten geht“. Dies zeige schließlich, dass es am Markt „keinen blinden Wahn gebe“, sagt er.

Was Anleger nun machen sollten

Insgesamt sind die vom Handelsblatt befragten Investmentprofis nach wie vor positiv für die Aktienmärkte gestimmt. Sie raten Anlegern indes dazu, sich breiter aufzustellen, gerade auch um Schwankungen in einzelnen Bereichen abzufedern.

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Schwab von Rothschild & Co setzt auf eine leichte Übergewichtung der USA, mit Schwerpunkt auf Technologie, Industrie und Finanzdienstleistern. In Europa mag er vor allem die Sektoren Banken und Industrie. Klude von M.M. Warburg sieht das ähnlich. Konkret empfiehlt er zudem, Rücksetzer zum Einstieg zu nutzen: Hier gebe es womöglich die Chance, gute Werte auch im Technologiebereich dazuzukaufen.

Velikova von Union Investment findet in Europa ebenfalls unter anderem Banken und Industriewerte attraktiv. In den USA gefallen ihr auch Banken, außerdem setzt sie weiterhin auf potenzielle KI-Gewinner. Windischbauer von Amundi rät zu einer breiten Streuung über Regionen, Sektoren und Anlageklassen.

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Dabei empfiehlt die Portfoliomanagerin explizit, Inflationsschutz ins Portfolio zu integrieren, zum Beispiel über Gold und inflationsgeschützte Anleihen sowie über alternative Anlagen in den Privatmärkten.

Von Auer von der JP Morgan Private Bank setzt ebenfalls weiter auf Aktien mit KI-Bezug, sieht daneben aber ein zweites großes Strukturthema, und zwar nationale Resilienz. „Staaten wollen unabhängiger und widerstandsfähiger werden“, betont er. Profiteure dieses Trends seien Versorger, Rüstungskonzerne und Industrieunternehmen – in Deutschland auch getragen durch die milliardenschweren Fiskalpakete des Bundes.

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